Arnstadt (ke) - In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt gewährten am vergangenen Donnerstagabend drei Pflegefamilien aus dem Ilm-Kreis Einblicke in ihr Leben, um neue Bewerber zur Annahme eines Pflegekindes zu motivieren. Denn auch im Ilm-Kreis steht das Jugendamt vor dem Problem, dass mehr Kinder in Obhut genommen werden müssen, als Pflegefamilien zur Verfügung stehen.
Ramona Straßenmeyer, Christa Mandler und Reinhard Röhr erzählen aus ihrem Leben mit Pflegekindern
© ke
Wie schwierig sich die Gewinnung neuer Pflegeeltern momentan gestaltet, zeigte sich auch am mangelnden Interesse an der Veranstaltung. Trotz im Vorfeld gerührter Werbetrommeln und guter Vorbereitung der Veranstaltung durch Nicole Hentschel und Antje Jaschinski vom Pflegekinderdienst des Jugendamts, waren kaum potentielle Pflegeeltern erschienen. Dabei hatte Antje Jaschinski große Hoffnungen darauf gesetzt durch die überwiegend positiven Berichte der Pflegeeltern Ramona Straßenmeyer, Christa Mandler und Reinhard Röhr neue Interessenten zu finden.
Vor allem Reinhard Röhr war kaum zu bremsen, als er von seinen kleinen und größeren Pfleglingen berichtete. Vor vier Jahren entschied er sich gemeinsam mit seiner Frau welche „schon immer ein Händchen für Kinder hatte“, die verantwortungsvolle Aufgabe einer Bereitschaftspflegestelle zu übernehmen. Das bedeutet für Familie Röhr, dass sie sich von einem Moment auf den anderen auf ein neues Pflegekind einstellen müssen. „Zu uns kommen aus dem Nest gefallene, nackte, frierende und verletzte Küken und jedes ist herzlich willkommen“, beschreibt Reinhard Röhr den Moment, wenn wieder ein neues Kind Leben ins Haus bringt. Mehr als 30 dieser „Küken“ - vom Säugling bis zum Jugendlichen - konnten bei dem Rentnerehepaar, das selbst fünf Kinder großzog, zur Ruhe kommen. Manchmal brachten sie drei Pfleglinge gleichzeitig um den Schlaf. In der Regel ist der Aufenthalt in einer Bereitschaftspflegestelle für drei Monate geplant. Diese Zeit lässt sich aber nicht immer einhalten. So bleiben manche Kinder nur Wochen, ein Kind aber auch ein Jahr. „Dann fällt der Abschied natürlich doch schwerer", muss Reinhard Röhr zugeben. Aber er weiß, dass er die Kinder als „Pflegeopa“ ein Stück ihres Lebens begleitet und ihnen geholfen hat, sich weiterzuentwickeln. Wenn auf die Kinder dann in ein liebevolles Zuhause wartet, ist es für ihn in Ordnung, Abschied zu nehmen. Und zu manchen Kindern und deren neuen Familien besteht immer noch Kontakt.
Etwas anders stellt sich die Situation bei Klaus und Christa Mandler dar. Auch Christa Mandler fühlt sich mit 58 Jahren nicht zu alt, um einem Kind Perspektiven zu eröffnen, ihm die Welt zu zeigen und ein behütetes Umfeld zu schaffen. Pflegemutter zu sein hält sie jung. Jetzt geht sie wieder zum Elternabend, begleitet ihren Pflegesohn zum Computerkurs und zum Sport. „Es ist einfach nur schön und ich habe es keineswegs bereut“, sagt sie über ihre Entscheidung, ein Kind in Pflege zu nehmen. Als sie ihren Pflegesohn vor über zwei Jahren an seinem achten Geburtstag aus dem Kinderheim abholten, bekam Familie Mandler auch seine Eltern mit dazu. Sie plädiert dafür, die leiblichen Eltern nicht pauschal als schlecht darzustellen. „Die Eltern unseres Pflegesohnes wissen, dass sie mit der Erziehung überfordert sind und er bei uns in guten Händen ist“, so Christa Mandler. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern ihres Schützlings funktioniere unkompliziert und problemlos.
Dass dies aber nicht immer so ist, zeigen die Erfahrungen von Bernd und Ramona Straßenmeyer. Für beide kam nur eine Langzeitpflegschaft in Frage. Inzwischen haben zwei Mädchen bei den Straßenmeyers ein neues liebevolles Zuhause gefunden. So glücklich beide über die Entwicklung ihrer Mädchen sind, so traurig machen sie die Probleme mit den Herkunftsfamilien. Während die jüngere Pflegetochter, die vor sechs Jahren als Säugling in die Familie kam, keinen Kontakt mehr zu den leiblichen Eltern hat, suchte der Vater der älteren Tochter (10) unregelmäßig Kontakt und schreckte auch vor nächtlichen Anrufen und Drohungen nicht zurück. „Das ist schlimm für Pflegeeltern und auf solche Situationen ist man nicht vorbereitet“, muss Ramona Straßenmeyer feststellen.
„Das stimmt, so etwas muss man erleben, um zu wissen, wie es sich anfühlt", bestätigt Nicole Hentschel, selbst auch Pflegemutter. Trotzdem versuche das Jugendamt potenzielle Pflegeeltern möglichst gut auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe vorzubereiten.
Aber nicht nur das in manchen Fällen schwierige Verhältnis zwischen den Pflegeeltern und den leiblichen Eltern der Kinder kann ein Problem darstellen. Auch gerade für die etwas älteren Kinder ist die Situation schwierig, plötzlich mit zwei Elternpaaren zu leben. Reinhard Röhr bewundert es, wie sehr die Kinder oft trotz totaler Vernachlässigung an ihren Eltern hängen und diese verteidigen. Daher machen seine älteren Schützlinge bei ihm „Urlaub“, bis sich die leiblichen Eltern wieder um sie kümmern können oder eine andere Lösung gefunden wurde.
Alle Familien, die sich vorstellen können, einem Pflegekind auf (Lebens-)Zeit ein liebevolles Zuhause zu geben, können jederzeit mit dem Pflegekinderdienst im Landratsamt Kontakt aufnehmen, um weitere Informationen zu erhalten oder sich beraten zu lassen. Antje Jaschinski ist dort für Interessenten unter 03628/738 495 erreichbar.
Noch keine Kommentare vorhanden