Aus der Sicht des Propheten, liebe Leserin, lieber Leser, aus der Sicht des Jeremia war alles ganz klar: Er war der wahre, von Gottes gesandte Prophet; die andern, die Haus- und Hofpropheten des Königs, die redeten ihrem Herren nur nach dem Mund.
Unbequem waren die Worte Jeremias, denn sie entsprachen nicht der offiziellen Politik. „Ihr verbündet euch mit den Falschen“, so versuchte Jeremia seine Botschaft unters Volk zu bringen, doch die folgten der offiziellen Richtung und Jeremia wurde abgeschoben. Erst später sollten die Menschen seiner Heimat ganz bitter zu spüren bekommen, dass er recht hatte: Juda wurde von den Babyloniern erobert, die Elite deportiert und der Tempel zerstört. Aus der Sicht des Volkes ist das alles natürlich nicht klar: Woher hätten sie wissen sollen, dass Jeremia, der Außenseiter, der Störenfried, Recht behalten sollte? Die Worte der Staatspropheten waren einfach zu schön: „Frieden, Frieden, Frieden“ trällerten die in sämtlichen Tonlagen. Wer hört da schon auf so einen Muffel, der nur von Umkehr oder Zerstörung redet. Ich kann die Menschen von damals gut verstehen. Wer weiß denn schon, welchen falschen Propheten wir heute folgen? Griechenland raus aus dem Euro oder nicht? Deutsche Mark wieder her oder nicht? Es sind einfach zu viele, die ihre Stimme erheben. Und ist es nicht doch einfach schöner, von immer mehr und mehr Wachstum zu hören, auch wenn wir inzwischen die Küste Westafrikas kaputtfischen? Nachher ist man immer schlauer, dafür können wir doch nichts, oder? „Wenn du dafür kein Geld hast, kannst du dir es nicht kaufen“, so einfach war noch die Welt meines Großvaters. Und heute? Kein Wunsch, den sich nicht jeder erfüllen könnte, oder? Hören wir da noch auf die Stimme der Muffel, die von Umkehr oder Zerstörung predigen? Nein, unsere Situation ist nicht einfach. Aber eines ist klar: Stehen wir in ferner oder naher Zukunft wieder einmal vor einem Scherbenhaufen, dann waren die Propheten, denen wir folgten, die falschen.
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