Was die glitzernde Fassade verbirgt

Die Welt des K-Pop

Von Julia Schäfer

„Mama, Papa, ich will zu einem K-Pop-Konzert!“ – Der ein oder andere mag diesen Satz von seiner Tochter im Teenageralter wohl schon gehört haben.
Aber was ist K-Pop?

Bild anzeigen

(V.l.) Minhyuk, Kihyun, I.M und Jooheon, vier der sieben Mitglieder der Boyband Monsta X, begeistern die Fans mit ihren Deutschkenntnissen bei ihrem Konzert in Berlin.

© Foto: Schäfer

Allgemein betrachtet ist K-Pop ein Musikgenre. Südkoreanische Künstler singen in ihrer Muttersprache, hier und da fallen ein paar englische Worte. Gesang und Rap wechseln sich meist ab. Doch warum ist diese Musik so beliebt, was daran zieht so viele junge Menschen scheinbar magisch an und was steckt hinter der bunten, glitzernden und perfekt anmutenden Fassade der K-Pop-Industrie?

Seit das Lied „Gangnam-Style“ des südkoreanischen Sängers Psy weltweit bekannt wurde und mit 2,9 Milliarden Klicks auf der Videoplattform YouTube eines der meistgeklicktesten Videos der Welt ist, schwappt die Welle der koreanischen Pop-Musik, die sogenannte „Hallyu“, unaufhaltsam über die „westliche Welt“.
Anders als in der westlichen Pop-Musik liegt der Fokus bei den koreanischen Bands und Künstlern der Musikszene vor allem auf den leistungsfordernden Choreographien zu den Liedern. Beinahe jedes Lied, das veröffentlicht wird, ist mit einer Choreographie untermalt und eins steht fest: Tanzen können die südkoreanischen Künstler, die allgemein als „Idols“ bezeichnet werden.

Die Ausbildung
Das Tanzen und Singen lernen die angehenden Stars bei Unternehmen, die auf die Ausbildung der jungen Talente spezialisiert sind.
Berühmt werden wie die Boygroup Big Bang – das ist für viele Teenager in Südkorea der größte Traum und um diesen Traum verwirklichen zu können, nehmen sie an den Castings der Unternehmen wie BigHit Entertainment, SM Entertainment oder JYP Entertainment Teil. Für den Großteil der Casting-Teilnehmer geht der Traum vom Idol-Leben bereits bei den Castings zu Ende, für die wenigen Glücklichen, die nach dem Casting aufgenommen werden, beginnt jetzt eine harte Zeit voller Gesangstraining und Tanzstunden. Trainingseinheiten bis tief in die Nacht, vier Stunden Schlaf oder weniger, Zusammenleben mit anderen Schülern auf engstem Raum und die Eltern kaum zu Gesicht bekommen ist da normal.
Je nach Leistung eines Schülers (Trainee) können drei bis fünf Jahre verstreichen, bis dieser – meist in einer Band – debütieren darf. Einige Trainees schaffen es auch gar nicht, bekannt zu werden.
K-Pop Gruppen bestehen meistens aus vier bis sieben Personen, Sängern und Rappern, denen es an Tanzkünsten nicht fehlt. Ist eine Gruppe von jungen Talenten bereit, auf den „Markt geworfen zu werden“, hängt alles davon ab, wie viele Fans die neue Gruppe für sich gewinnen kann. Nicht selten kommt es hierbei zu Flops. Mehrere Gruppen mussten sich aufgrund von Mangel an Beliebtheit auflösen. Auch der stetig wachsende Konkurrenzdruck nimmt großen Einfluss, da die Unternehmen am laufenden Band neue Gruppen „produzieren“. Bekannt werden neue Gruppen am Anfang ihrer Karriere vor allem durch Broadcasting-Shows wie „Weekly Idol“ oder „After School Club“. Hier stellen sich die angehenden Stars (Rookies) vor und müssen unter Moderation verschiedene Spiele und lustige Aufgaben meistern, die das Können der Rookies zur Schau stellen.
Jedoch kann es am Anfang eine Weile dauern, bis eine Gruppe wirklich berühmt wird. So galt die damals zwölfköpfige Boyband EXO, die 2012 ihr Debut unter SM Entertainment hatte, anfangs als der größte Flop des Unternehmens. Heute ist sie eine der bekanntesten und beliebtesten Gruppen der K-Pop-Szene, welche drei ihrer Mitglieder einbüßen musste, da diese ihre Solo-Karriere in China fortsetzten.
Die siebenköpfige Boyband BTS, die unter BigHit Entertainment als Hip-Hop-Band debütierte, ist heute weltweit in aller Munde. Die Hip-Hop-Rhythmen wechselten im Lauf der Jahre zu einer Mischung aus Pop, Synth und Elektrobeats, die mit atemberaubenden Choreographien ihre Fans (ARMY) auf der ganzen Welt begeistern. Globale Aufmerksamkeit erlangten BTS durch ihr Musikvideo „Blood, Sweat and Tears“, das Ende 2016 veröffentlicht wurde. Mit dem Gewinn eines Billboard Music Awards in der Kategorie „Top Social Artist“ brachen sie Justin Biebers Erfolgssträhne. Der hatte diesen Preis in den vergangen Jahren sechs Mal in Folge gewonnen.

Bild anzeigen

(V.l.) Wonho, Shownu und Hyungwon, drei der sieben Mitglieder der Boyband Monsta X, verzaubern die Fans mit ihrem Charme bei ihrem Konzert in Berlin.

© Foto: Schäfer

Nur selten kommen die Stars auf ihren Touren nach Europa. Somit war der Ansturm auf das diesjährige Konzert der Boygroup Monsta X in Berlin riesig und auch das Konzert von G-Dragon, ehemaliges Mitglied von Big Bang, war innerhalb von Sekunden ausverkauft, die Ticketseiten im Internet schon eine Viertelstunde vor Verkaufsbeginn überlastet.

Perfektion im Business
Jedoch hat auch die K-Pop-Industrie ihre Schattenseiten. Um auf dem Markt punkten zu können, spielt das Aussehen eine große Rolle. Da sind Schönheits-OPs keine Seltenheit. Was bei uns eher verpönt ist, ist in Südkorea fast alltäglich. Viele Menschen dort, vor allem junge Mädchen, legen sich für eine schmalere Nase oder das als Schönheitsideal geltende V-förmige Kinn unter das Messer. Dieser Schönheitswahn geht teilweise so weit, dass Unternehmen eine Gewichtsgrenze für ihre Trainees festlegen und diese sich regelmäßig wiegen lassen müssen.
Auch die Konzepte, denen einige Bands folgen müssen, sind teilweise weniger human. Oft werden die Stars sexualisiert. Knappe Outfits bei den Frauen, oberkörperfrei bei den Männern, dazu anzügliche Hüftbewegungen und teilweise Beinahe-Interaktionen mit den Bandkollegen. Auf der Bühne lasziv, hinter den Kulissen jedoch sehr höflich und wohlerzogen. Aber auch die Höflichkeit kommt nicht von ungefähr. In den Räumlichkeiten der Unternehmen hängen oft Listen mit den Benimm-Regeln aus, die vorschreiben, wie die angehenden Künstler sich zu verhalten haben. Das Image einer Band ist wichtig, denn dafür bekommen die Unternehmen Geld. Wer schön aussieht und sich vorbildlich verhält, der begeistert die Massen für sich.
Doch häufig sehen die Stars nicht viel von ihrem Geld. Oftmals gibt es sogenannte „Sklaven-Verträge“, die die Stars zu hartem Training verpflichten, Dates verbieten und eine Aktivität von beispielsweise 10 Jahren vorschreiben. Auch in dieser Branche gibt es Suizide zu vermerken.
Es ist also nicht nur alles eitel Glück und Wonne.
Trotz dieser bedrückenden Aspekte merkt man den Künstlern an, wie viel Spaß sie an ihren Auftritten haben und was ihnen das Idol-Sein bedeutet. Die Trainees sind sich des harten Weges durchaus bewusst und nehmen diesen billigend in Kauf, haben oft auch einen Plan B, falls das mit dem Berühmtwerden doch nicht klappt.

Möchten Sie diesen Artikel

Versenden Drucken
Anzeige

Diesen Artikel versenden

Absender-E-Mail:*
Empfänger-E-Mail:*
Nachricht:*

* Pflichtfelder