Thüringen (NABU Thüringen) - In dieser Woche feiert das europäische Schutzgebietsprogramm „Natura 2000“ sein 20-jähriges Bestehen. Das Programm, das mit Verabschiedung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU am 21. Mai 1992 in Kraft trat, stellt heute fast ein Fünftel der EU-Landfläche unter Schutz, in etwa die doppelte Fläche Deutschlands.
In den Thüringer Wäldern hat auch der Freistaat die wertvollsten Gebiete für das EU-Schutzgebietssystem gemeldet, doch einige dieser Flächen spüren laut des Naturschutzbundes (NABU) Thüringen nichts von ihrer herausragenden Wertigkeit. Mitglieder des NABU erfassten mehrere unangebrachte forstliche Eingriffe und Wegebaumaßnahmen, bei denen Lebensräume zerstört wurden.
Der NABU Thüringen fordert, aufgrund der jüngsten Beispiele massiven Holzeinschlages in mittlerweile fünf FFH-Gebieten, Thüringens Umweltminister Jürgen Reinholz auf, diese Missstände abzuschaffen. „Es müssen endlich Managementpläne für FFH-Gebiete vorliegen. Die momentan für die Waldbewirtschaftung geltenden Waldbehandlungskonzepte und die „Bewirtschaftungshinweise auf Grundlage der Positivliste“ reichen für europäische Schutzgebiete, wie FFH-Gebiete, einfach nicht aus“, bemängelt Mike Jessat, der Landesvorsitzende des NABU Thüringen. „Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass die Förster, wenn sie entsprechende Pläne vorliegen hätten, die den Umgang mit diesen Schutzgebieten regeln, auch im Sinne der Schutzgebiete wirtschaften könnten. Diese von der EU geforderten Managementpläne gibt es jedoch bis jetzt noch nicht“, erklärt Jessat.
In einem Brief an den Minister beanstandet der Naturschutzbund den gegenwärtigen Umgang mit fünf FFH-Gebieten in Thüringen. So wurden zum Beispiel im FFH-Gebiet „Eschberg-Dürrenberg“ bei Meiningen, im dortigen Hangwald, Schneisen eingeschlagen, die zur Beeinträchtigung von geschützten Biotopen führen. Ähnliche Eingriffe mit massivem Holzeinschlag gab es in den Schutzgebieten „Reisiger Stein“ bei Zella-Mehlis, „Rhönkopf-Streufelsberg“ im Biosphärenreservat Rhön und „Tautenburger Forst-Hohe Lehde-Gleistalhänge“ im Saale-Holzland-Kreis. Zu einer Beeinträchtigung von FFH-Lebensraumtypen kam es durch Wegebau im FFH-Gebiet „Krahnberg – Kriegberg“ bei Gotha.
Die dort durchgeführten Maßnahmen werden vom NABU Thüringen naturschutzfachlich als äußerst problematisch eingeschätzt. „Aus unserer Sicht liegen hier Verstöße gegen die FFH-Richtline und das Thüringer Naturschutzgesetz beziehungsweise auch Handlungsdefizite der zuständigen Behörden vor“, sagt Jessat.
Als mögliche Ursache für das Dilemma benennt der NABU die mangelnde personelle Ausstattung der unteren Naturschutzbehörden sowie die nicht ausreichende Abstimmung von Forstämtern, beziehungsweise Privatwaldbesitzern mit den zuständigen Naturschutzbehörden, die zum Teil die Genehmigungsbehörden sind.
„In der Berichterstattung der Länder an die EU über die Zustände und Entwicklungen der NATURA 2000-Gebiete werden diese Vorgänge mit Sicherheit kein gutes Licht auf Thüringen werfen“, so Jessat an den Minister appellierend.
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