Erlebnisbericht des Autors Hermann Multhaupt

Bombardierung der Edertalsperre vor 70 Jahren

Herstelle (brv) - Der Hersteller Autor Hermann Multhaupt erlebte vor 70 Jahren die Auswirkungen der Bombardierung der Edertalsperre und verfasste darüber einen Erlebnisbericht:

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Blick auf die Überschwemmung an der „Kaine“ in Herstelle. Das Hochwasser war bis zur Hauptstraße hinaufgestiegen.

© Repro: H. Multhaupt

Wer heute durch die Fährstraße in Herstelle geht, entdeckt am Haus Haneke eine Wasserstandstafel, die das Hochwasser der Weser anzeigt. Unter den Daten befindet sich in roter Schrift die Höhenangabe der Flutwelle, die die Bombardierung der Edertalsperre auslöste.
Am späten Abend des 17. Mai 1942 warfen englische Lancaster-Bomber Spezialbomben auf die Staumauer. Durch die klaffende Bresche ergoss sich eine gewaltige, Tod und Verderben bringende Wassermasse – insgesamt 160.000.000 Kubikmeter – in die Täler von Eder, Fulda und Weser.
Für viele Menschen und Tiere kamen die Rettungsmaßnahmen zu spät. Landwirtschaftliche Betriebe, Häuser und Bäume wurden weggerissen und fortgeschwemmt, wo vorher blühendes Leben existiert hatte, blieben kahlrasierte Flächen der Verwüstung.

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Wasserstandstafel mit den Angaben der Fluthöhe.

© Foto: H. Multhaupt


Etwa zwanzig Stunden später erreichte die Flutwelle das Dorf Herstelle. Es war ein Montagabend. In der Frühe des nächsten Morgen weckte mich meine Mutter, die mit den Verwandten das Ausmaß der Katastrophe vor Ort schon in Augenschein genommen hatte, vor der Zeit, hieß mich rasch anziehen und dann eilten wir in den Ort.
Das Unterdorf stand schon unter Wasser. Das war nichts Ungewöhnliches, denn Überschwemmungen gab es alle Jahre nach der Schneeschmelze oder nach langen Regenperioden. Nun aber konnte man in der Fährstraße genau beobachten, wie die Flut von Minuten zu Minute zentimeterweise stieg und bald an der „Kaine“ die Hauptstraße erreichte. Schritt für Schritt wichen die Menschen vor dem steigenden Wasser zurück.
Das Oberdorf, in dem wir wohnten, war nicht so gefährdet wie die anderen Teile des Ortes. Wohl liefen auf der der Weser zugekehrten Seite der Straße die Keller der Häuser voll, und natürlich standen auch die Gärten, die vielfach zum Anbau von Gemüse und Kartoffeln genutzt wurden, unter Wasser. Zäune und Wäschepfähle ragten nur mit den Spitzen aus der braunen Brühe, die allerlei Unrat, darunter auch tote Tiere und Berge von Holz, Heu und Stroh anschwemmte. Die alte schon zum Teil hohle Weide an der „Eiberzwiete“ schaute nur noch mit der Krone aus dem Wasser. Die dünnen, elastischen Äste trieben im Wasser wie nasses, strähniges Haar hin und her. Der Höchststand der Überschwemmung wurde mit 7, 94 m erreicht. Manche Dorfbewohner nutzten ihren Schweinetrog als Ersatzkahn und schipperten damit durch die überschwemmten Straßen.
Der Katastrophenalarm nach der Bombardierung der Edertalsperre erreichte auch die Schifffahrt. Am Hersteller Ufer lag der Schleppdampfer „Karlshafen“ vor Anker und in seinem Gefolge befanden sich die Frachtschiffe „Bremen 51“ und „Hermine“. Sie waren auf dem Weg nach Hannoversch-Münden gewesen und konnten die Fahrt nun nicht mehr fortsetzen. In Gegenrichtung wartete das Schiff „Bremen 70“ auf die Reise flussab. Die Order der Bremer Reederei an die Mannschaft lautete, die Schiffe vor dem erwartenden Hochwasser zu gut wie möglich zu vertäuen und an Bord zu bleiben. Deshalb blieb der Schleppdampfer ständig unter Dampf. Der Liegeplatz in Herstelle war wegen seiner zahlreichen Poller und der günstigen Lage beliebt. Der Andrang der Wassermassen war jetzt jedoch so gewaltig, dass sich die Poller langsam aus dem unterspülten Grund lösten, die Strahltrosse abglitten und die Schiffe abtrieben. Die Kopfanker reichten nicht aus, um die Fahrt zu stoppen. Der „Hermine“ gelang es mit Hilfe des Schleppdampfers, an einer mächtigen nun tief im Wasser stehenden Pappelreihe festzumachen. Die beiden anderen Schiffe aber schossen talwärts, ohne dass die Anker die Fahrt hätten abbremsen können. Unterhalb des Gutes Kemperfeld, am „Taternkopf“, befinden sich auf dem Grund des Stromes Felsbänke, die bereits zur Römerzeit bekannt waren und schon früher eine Bedrohung für die der Schifffahrt darstellten. Hier rissen die Kopfanker beider Schiffe, die nun manöverunfähig stromab davonglitten, ab. Die Geschicklichkeit der Besatzung beim so genannten „Ruderschneiden“ ist es zu verdanken, dass die Schiffe gewendet und bedingt gesteuert werden konnten. Die Heckanker minderten die Fahrt dann so weit, dass die Schiffe dicht am überschwemmten Ufer und an den Bäumen entlang gelenkt und unterhalb der „Lumeke“ in Höhe des „Bergschlösschens“ mit den Stahltrossen an den Bäumen befestigt werden konnten. Wären sie nur etwa fünfhundert Meter weiter abgetrieben, sie wären an der Weserbrücke in Beverungen zweifelsohne zerschellt.
Hermann Multhaupt

 

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