Burguffeln (hai) - Der Berliner Sänger Hans Hegner brachte in der Lindenmühle einen der erstaunlichsten Außenseiter der Geschichte auf die Bühne: Süßkind von Trimberg, den einzigen jüdischen Minnesänger, der im 13. Jahrhundert lebte.
Hans Hegner interpretierte Süßkinds Lieder mit großer Ausdruckskraft und sparsam, aber effektvoll eingesetzter Gestik und Mimik. Gesanglich ging er bis in die Extreme: von der herrlichen Minne-Kantilene, mit der er die Frau als „des Mannes Krone" zärtlich umwarb, bis hin zur schmerzvoll herausgeklagten Gesellschaftskritik, die die großen Unterschiede zwischen arm und reich anprangerte.
Denn der jüdische Sänger war ein hellsichtiger Chronist der Verhältnisse, ganz in der Tradition von sozial engagierten Sangspruch-Dichtern wie Spervogel und Walther von der Vogelweide. Lange vor Voltaire beschwor er die Gedankenfreiheit, vom Adel fordert er Edelmut ein, von der Obrigkeit verlangte er Gesetze, die vor Ausbeutung und Willkür schützten. Dabei muss er sich an den Höfen Achtung und Respekt erworben haben, wie auch eine prachtvolle Miniatur in der Manesse-Handschrift belegt.
Friedrich Torberg hatte in seinem 1972 erschienenen Süßkind-Roman eine Biografie des Sängers ersonnen, aus der Frank Limbach aus Göttingen an diesem Abend mit sonorer Stimme mit Einfühlungsvermögen und viel Humor las. Dabei entstand im Wechselspiel mit Gesang und der Musik einer fünfköpfigen Begleitgruppe mit mehr als 20 mittelalterlichen Instrumenten ein lebensnahes Bild des großen Außenseiters, der als Ahnherr gesellschaftskritischer jüdisch-deutscher Dichtung von Heinrich Heine bis Stephan Heym gilt.
Allerdings konnte er seine Sonderstellung in einer Zeit der Ausgrenzung und der Pogrome nicht auf Dauer halten. Einige sehr persönliche Lieder sprechen davon, dass ihm die früher offenen Burgtore nun verschlossen bleiben und klingen in ihrer Todesahnung geradezu depressiv. Hans Hegner sang Süßkinds Abgesang nur zur Trommel und zog trommelnd davon. Die Musiker summten ihm als traurigen Schlusspunkt noch einen Klagegesang der sephardischen Juden hinterher. Das sichtlich bewegte Publikum dankte mit viel Applaus.
In der Lindenmühle geht es weiter mit Jazz und Lyrik: Am Sonntag, dem 23. Oktober 2011, um 20 Uhr liest Berthold Mayerhofer Benn und Tucholsky zu den Klängen seiner hochkarätigen Begleitband Blue Monk. Am 13. November folgt hochvirtuose Gitarrenmusik mit Martin C. Herberg, ebenfalls um 20 Uhr. Und am 11. Dezember wird um 16 Uhr erneut der Irische Advent mit Harfenspielerin Sylvia Reiß begangen. Tickets gibt es unter Tel. 05671/925355.
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