Kurzgeschichte über bewegte Vergangenheit

Eine Hollywood-Story – made in Uslar!

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Das macht Mut: Selvije Izlamay lernte mit Anfang 30 erst den sicheren Umgang mit Zahlen, Worten und Schrift und verfasste kurzerhand ihr Leben als Kurzgeschichte.

© Foto: privat

Uslar (usm) - Hätte man Selvije Izlamay vor ein paar Jahren noch gefragt, sie hätte sich ihre eigene Geschichte nicht geglaubt. Völlig hilflos landete sie im Alter von 3 Jahren mit ihren Großeltern in Deutschland. Man hatte Selvije in dem Glauben gelassen, ihre Großeltern seien ihre Eltern. Bei Selvijes Geburt war ihre Mutter erst 15 Jahre alt und so lebte sie bis zum Tod des Großvaters mit der Gewissheit, ihre Großeltern seien ihre Eltern und ihre Mutter ihre >>große Schwester<<. Der Tod des Großvaters, und damit verbunden die Überforderung der Großmutter mit der Situation, brachten die Wahrheit ans Licht. Selvije musste daraufhin zu ihrer leiblichen Mutter ziehen. Mit diesem Umstand waren alle überfordert und so kam es schließlich zur Aufnahme in eine Kinderdorffamilie des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs in Uslar.
Heute erschwert der mittlerweile 32-jährigen auch noch eine chronische Erkrankung das Leben. Der Zufall und ein bisschen auch der starke Wille ihrer Bezugsbetreuerin im Albert-Schweitzer-Jugendwohnen spielten Selvije bei ihrer neuesten Entscheidung zu. Einer Entscheidung, die am Ende einer ganzen Kette vorn Ereignissen stand und Selvije Izlamays Leben komplett umkrempelte: Mit ihrem eigenen Leben – verfasst als Kurzgeschichte – nahm sie am Wettbewerb „b.bobs 59 – Literaturwettbewerb für Menschen mit Behinderung“ teil und schaffte es mit ihrem Beitrag „Das Rad des Lebens“ sogar in das zugehörige Buch „Es hört sich an wie eine Melodie“ des Geest-Verlags.
Als kleines Mädchen kam Selvije Izlamay im Jahr 1989 zusammen mit ihren „Großeltern“ aus dem Kosovo nach Deutschland. Es folgte die Unterbringung in einem Asylbewerberheim in Bayern und ein kleines Martyrium mit dem System. Denn in den für viele so selbstverständlichen Kindergarten konnte Selvije trotz richtigen Alters nie gehen. Sie gehört zu dem geringen Prozentsatz Menschen mit Kleinwüchsigkeit. Im Kindergarten hatte man gleich eine ganze Handvoll Bedenken, ihre Größe betreffend. Viele davon aus vermeintlicher Sorge, sie könne Verletzungen davontragen. Ganz ähnlich waren die Gründe für ihre verspätete Einschulung und so kam sie dann – besser spät als nie – im Schulsystem an. Selvije lernte in kleinen Klassengruppen an einer speziellen Förderschule die grundlegenden Dinge wie Rechnen, Lesen, Schreiben. So ganz leicht fiel ihr dies allerdings nicht. Später – im beinah rebellischen Jugendalter dann – waren ihr die Lerninhalte aus der Schule einfach nicht mehr wichtig. Ihr ging es doch gut, wieso sollte sie sich dann mit dem ganzen langweiligen Zeugs auseinandersetzen? Ihr fehlte schlicht die Einsicht, dass so manches was in der Schule gelehrt wird, auch im späteren Leben von Bedeutung sein wird.
Heute mit 32 Jahren ist Selvije selbst nicht mehr sonderlich stolz auf diese Phase. Aber sie kennt auch die Schattenseiten ihres Lebens; weiß noch immer zu genau, was sie in vielen dunklen Stunden durchstehen musste. Es gab eine Zeit, da hatte es die junge Frau nicht leicht, von heut auf Morgen zu denken. Und daher kam es auch, dass sie die benötigte Aufmerksamkeit und Förderung in ihrer Schulzeit nicht einforderte und sich mit ihren sehr geringen Lese-, Schreib- und Rechenkenntnissen über viele Jahre mehr oder weniger durchmogelte. „Es ging alles sehr, sehr langsam und manchmal, da wollten die einzelnen Buchstaben einfach kein Wort ergeben oder ich verstand schlicht den Sinn nicht“ erinnert sich Selvije an die Momente zurück, in denen sie dann doch selber mal was lesen musste.
Als Erwachsener nicht lesen, schreiben oder rechnen zu können, ist nicht schön. Doch Selvije ist gut vernetzt. Freunde lasen ihr ihre Post vor und nahmen sie als Menschen vor allem immer so, wie sie halt war. Zwischen ihnen war so etwas Grundlegendes kein Thema. Und wenn es doch mal auf den Punkt kam, dann sagte die 32-jährige frei heraus, wie es sich nun mal verhielt mit ihren geringen Kenntnissen. Sie war bisher auch ohne diese Fähigkeiten durchs Leben gekommen und stand dazu, wenn es nötig wurde.
Nach der Schulzeit rückte all dies ohnehin in den Hintergrund. Selvije fand sich in einem Teufelskreis wieder. Als Kosovoalbanerin besaß sie nur eine Duldung in dem Land in dem sie groß geworden war. Dies hieß leider: keine Arbeitserlaubnis. Die in dieser Zeit erfolgte Diagnose einer Muskelerkrankung warf die junge Frau komplett aus der Bahn, denn schnell stand fest: Diese Krankheit würde fortan ihr ganzes Leben mitbestimmen. Erst nach einem Jahr gelang es mit Hilfe eines Anwaltes zumindest einen gesicherten Aufenthalt und damit auch eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Bei den Harz-Weser-Werkstätten in Dassel fand Selvije eine Anstellung. Sie startete dort im September 2009 durch und war zufrieden mit ihrer Aufgabe. Schreiben, lesen und rechnen musste sie nicht; die Anleitungen für ihre Aufgaben waren und blieben praktisch. Selvije hatte also das geregelte Leben wieder aufgenommen, aber weiterhin keinen Grund, über ihre nicht vollendete Schulbildung nachzudenken.
Erst im Jahr 2018 sollte sich das ändern. Dafür dann Schlag auf Schlag. An ihrem Arbeitsplatz standen wieder einmal die Werkstattratswahlen an. Ein Werkstattrat ist in seinem Bereich im Prinzip ähnlich anzusehen wie ein Betriebsrat. Ihr eigener Chef war es, der Selvije fragte, ob sie sich nicht für die Wahlen aufstellen lassen wollte. Die Herausforderung reizte die 32-Jährige und nach der Wahl stand nicht nur fest, dass sie dem Rat künftig angehörte, sie wurde zudem noch zur Vorsitzenden berufen. „Da war plötzlich eine große Verantwortung“ erzählt Selvije und gesteht sich erstmals ein, wie wichtig das Lesen und Schreiben doch ist. Und noch etwas wurde ihr bewusst: Dass die Systeme um sie herum die ganze Zeit über wunderbar funktioniert hatten. Auch das fügt die 32-jährige heute bei diesem Thema schonungslos offen an: „Ich musste mir die Frage, ob ich vielleicht noch viel mehr kann, bis dato einfach nicht stellen“.
Doch nun hieß es Protokolle zu verfassen, PC-Arbeiten zu erledigen. Verantwortung nicht nur sich selbst gegenüber zu tragen. „Das Problem kam plötzlich, doch nun war es da. Und ich wollte es unbedingt lösen“ beschreibt Selvije Izlamay ihren Antrieb, mit 32 Jahren, fest im Berufsleben stehend und lange nach dem letztmaligen Besuch einer Schulbank, Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Wolfram Schröter – einst langjähriger Nachhilfelehrer des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes und noch immer mit dem Jugendwohnen verbunden – sollte hier der Schlüssel zur Lösung werden. Geduldig und sehr respektvoll vermittelte er Selvije fortan in vielen Einzelunterrichtsstunden neues und vertiefendes Wissen. Lesen, Schreiben und Rechnen gehörten dazu. Begierig fing Selvije an, ihre ersten Bücher zu lesen und immer mehr Worte selbst zu schreiben. Und plötzlich faszinierte sie die Welt des Wortes sogar. Sie hatte so viel gelernt innerhalb dieser vergleichsweise kurzen Zeit, dass sie sich selber manchmal fragte, wie sie als Jugendliche diesem Wissen gegenüber so ignorant sein konnte. Zweimal die Woche holt sie den verpassten Unterrichtstoff weiterhin nach.
Noch funktionieren Lese- und Schreib, auch Rechenprozesse langsam. Aber Selvije merkt selbst schon eine stete Besserung. Das ist natürlich ein zusätzlicher Motivationsschub nie mehr aufzugeben.
Sie beginnt, auch Gedanken, Gefühle und Erlebnisse niederzuschreiben und merkt dabei, wie gut ihr diese Art des Verarbeitens tut. Beinahe schon beiläufig erzählt Selvije ihrer Betreuerin von dieser neu entdeckten Leidenschaft für das Schreiben. Diese ist beeindruckt und fragt, ob sie ihren Text einmal lesen dürfe. Sie durfte. „Ich war wahnsinnig fasziniert“ resümiert Sabine Böker diesen Augenblick. Sie ist nicht nur Selvijes persönliche Betreuerin, sondern zugleich auch die Leiterin des Jugendwohnens vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Uslar. „Nach zwölf Jahren zu erleben, dass Selvije kommt und sagt -Ich hab da was, das mir Spaß macht und das ist Schreiben-, das war kaum in Worte zu fassen und bleibt für mich überwältigend.“
Sabine Böker schreibt in ihrer Freizeit selbst Bücher und googelt immer mal wieder nach Schreibwettbewerben. So stößt sie genau im richtigen Moment auf den Schreibwettbewerb „b.bobs 59 – Literaturwettbewerb für Menschen mit Behinderung“ des Geest-Verlages. Wenn das keine Chance war…
Etwas irritiert war Selvije schon, als ihr ihre Bezugsbetreuerin kurz darauf mit dem Vorschlag kam, ihren Text einzureichen. Schließlich hatte sie gerade erst einen sichereren Umgang mit Worten gelernt. Aber gleichzeitig machte sich auch Begeisterung für diesen Vorschlag in Selvije breit.
Dass sie schnell bereit war, ihre Skepsis über Bord zu werfen, hatte seinen Wert. Zwar belegte Selvije Izlamay mit ihrem Beitrag keinen der ersten Preisplätze, doch wurde ihre Geschichte „Das Rad des Lebens“ in diesem Zug bereits in dem Buch „Es hört sich an wie eine Melodie“ des Geest-Verlags veröffentlicht. Die Anerkennung ihres Beitrags und auch die Fahrt zur offiziellen Preisverleihung und Bekanntgabe des Buches, haben ihr nochmal verdeutlicht, wie richtig die Entscheidungen der vergangenen Zeit waren: „Diese Geschichte sagt schon alles über mich aus. Und es gibt sicher noch viele Leute, denen es genauso geht wie mir. Denen möchte ich mit auf den Weg geben, wie gut das Aufschreiben tut und wie sehr es hilft“ resümiert Selvije selbstbewusst. „Leute, es lohnt sich!“ appelliert die 32-jährige an alle da draußen dann noch lächelnd, nachdem sie nur für einen kleinen Moment noch einmal in sich hineingehorcht hat.
Das Buch „Es hört sich an wie eine Melodie“ mit ihrer und vielen weiteren Geschichten aus den Leben gehandicapter Menschen, gibt es auch im Bücherwurm in Uslar zu erwerben.

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