„Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder“, so lautet der Wochenspruch für diese Woche. Singen bei diesem herrlichen Maiwetter fällt nicht schwer.
Den 5. Streich der Burschen Max und Moritz ausgraben, „Der Mai ist gekommen“ singen, so untermalen wir unsere Seniorennachmittage bei Kaffee und Kuchen. Aber Gott loben und singen, wenn einem das Leid die Schultern niederdrückt und Depressionen Arme und Beine fesseln? Ja, genau dann, erzählt eine spannende Geschichte aus der Apostelgeschichte (Kap. 16). Paulus und Silas sind auf ihrem Weg von Kleinasien nach Europa in der Stadt Philippi angekommen. Dort bekommen sie auf offener Straße richtig Ärger (Nachlesen!) und landen schließlich im finstersten Loch des Gefängnisses. Aber die beiden lassen ihre Köpfe nicht hängen, sondern erheben ihre Häupter und Stimmen und loben Gott. Und plötzlich geschieht das Unfassbare: Was eigentlich unerschütterlich und fesselnd war, löst sich auf und erbebt, die dicken Mauern des Gefängnisses geraten ins Schwanken, die verschlossenen Türen öffnen sich und ihre Fesseln fallen ab. Gott loben und singen im tiefsten Leid, Befreiung erleben, wo es eigentlich keine Freiheit gibt. Auch in unserer Zeit gibt es Beispiele dafür: „Hört, Kameraden! Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung!“. So rief der „Prediger von Buchenwald“ durch die Gitter seiner Zelle, bis er ermordet wurde. Dietrich Bonhoeffer, Nelson Mandela, Martin Luther King - all diese Menschen und noch viele mehr sind Beispiele dafür, wie Menschen in höchster Not Trost und auch Hilfe finden im Lob Gottes. Lange haben wir uns in den letzten Tagen über die Situation unserer Kirche unterhalten. Diese ist bekanntermaßen keine all zu rosige. Aber könnten jetzt nicht gerade wir, die gläubigen Christen, einen Schlussstrich ziehen unter das Jammern, uns zusammentun, unsere Häupter und Stimmen erheben und Gott loben? Oder sind wir etwa selber in einem System gefangen, dass uns auf Hilfe von außen angewiesen sein lässt?
Es grüßt Sie,
Pfarrer M. Ehrlichmann, Ichtershausen
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