Erfurt/Jena (co) - Im Rahmen seiner Dissertation beschäftigte sich der Historiker Dr. Michael Kummer mit den unterschiedlichen Bedingungen der Fußballclubs Jena und Erfurt von den 50er bis 80er Jahre. Demnach war für die lange Phase der Jenaer Dominanz insbesondere die massive finanzielle Unterstützung des Jenaer Trägerbetriebes VEB Carl Zeiss und der damit verbundene Professionalisierungsprozess entscheidend. DEUTSCHLAND today sprach mit Dr. Michael Kummer über seine Dissertation.
In einem Vortrag wird Dr. Michael Kummer am 10. November 2011 um 19 Uhr in den Rosensälen der FSU Jena, Fürstengraben 27, seine Ergebnisse vorstellen. Der Eintritt ist frei.
DEUTSCHLAND today: Anfang November halten Sie in Jena einen Vortrag, in dem Sie die Bedingungen der beiden Thüringer Fußballclubs zu DDR-Zeiten analysieren. Wie kam es dazu?
Dr. Michael Kummer: Der Verein für Thüringische Geschichte wurde auf das Dissertationsprojekt aufmerksam und lud mich dazu ein, meine Ergebnisse bei einem solchen Vortrag vorzustellen. Wohl nicht zuletzt dadurch, weil ich mit meinen Forschungen wissenschaftliches Neuland betrat.
DEUTSCHLAND today: Inwiefern Neuland?
Dr. Michael Kummer: Für die sogenannten „zivilen" Fußballclubs der DDR, also aus dem Bereich des DTSB, gab es bis dahin keine einzige Analyse, die in ähnlich systematischer Weise nach den finanziellen, materiellen, sportsystemischen und infrastrukturellen Bedingungen und nach den externen Einflussnahmen fragte.
DEUTSCHLAND today: Gab es denn grundlegend verschiedene Bedingungen der beiden Clubs?
Dr. Michael Kummer: Betrachtet man den langen Zeitraum der Jenaer Dominanz, also vom Ende der 50er bis zu Beginn der der 80er Jahre, dann kann man darauf mit einem klaren Ja antworten. Erst Anfang der 80er Jahre gelang es in Erfurt, ähnliche Bedingungen wie in Jena zu schaffen und damit den Abstand bei den sportlichen Ergebnissen zumindest zu verringern.
DEUTSCHLAND today: Welche Bedingungen waren für die lange Phase der Jenaer Dominanz entscheidend?
Dr. Michael Kummer: Dass die Erfolge nur mit besserem, weil härterem und wissenschaftlich unterstütztem Training erreicht wurden, greift als Erklärung viel zu kurz. Ab Ende der 50er wurde in Jena ganz systematisch ein Professionalisierungsprozess auf allen Ebenen angestoßen und immer weiter vorangetrieben. Dies ging nur, weil der Trägerbetrieb VEB Carl Zeiss, später das Kombinat, massiv finanzielle, materielle und soziale Mittel für die Oberligamannschaft verwendet hat, teilweise ging dies an der Rechts- und Beschlusslage in der DDR weit vorbei.
DEUTSCHLAND today: Aber in Erfurt gab es doch auch einen Trägerbetrieb?
Dr. Michael Kummer: Ja, das gesamte DDR-Sportsystem wurde ja nach sowjetischem Vorbild organisiert und daher war eine Bindung an einen Trägerbetrieb immer vorhanden. Nur wurde in Erfurt Anfang der 50er durch nicht mehr rekonstruierbare Umstände der VEB Reparaturwerk Clara Zetkin als Träger ernannt, der für eine effektive Unterstützung der Oberligamannschaft viel zu klein war. Wichtige Unterstützungen in finanziellen, materiellen und sozialen Bereichen fielen daher deutlich geringer aus als in Jena.
DEUTSCHLAND today: Welchen Einfluss hatten diese unterschiedlichen Bedingungen denn auf die sportlichen Leistungen?
Dr. Michael Kummer: Aufgrund der größeren Möglichkeiten gelang es dem Jenaer Club, sehr gute Spieler an die Kernberge zu holen bzw. zu halten. Man denke hier an Harald Irmscher oder Rüdiger Schnuphase. In einem recht starren Fußballsystem, in dem Spielerwechsel zwischen Oberligamannschaften nur selten vorkamen, war dies ein deutlicher Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Erfurter Club. Hier gab es diese Spielerzugänge eben nicht und in den 60er und 70er Jahren mussten immer wieder die besten Spieler nach Jena abgeben werden.
DEUTSCHLAND today: Werden Ihre Ergebnisse auch in einem Buch nachzulesen sein?
Dr. Michael Kummer: Ja, die Dissertation wird in verkürzter Form und mit zahlreichen Fotos versehen voraussichtlich im Herbst 2012 im Tulpe-Verlag erscheinen.
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