Erfurt (dp) – Viele der Menschen, die sich am Donnerstag vor dem Gutenberg Gymnasium versammelt hatten, haben diesen 26. April vor zehn Jahren mehr oder weniger hautnah erlebt.
Mit Blumen in den Händen haben die Gutenberg-Schüler vor dem Gymnasium Aufstellung genommen.
© Foto: dpEs kamen ehemalige Lehrer und Schüler, Eltern und Politiker. Sie alle gedachten der Toten, die damals von dem Amok-Schützen Robert Steinhäuser erschossen wurden. „Es ist als sei es erst gestern geschehen“, sagte Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. „Alles ist wieder gegenwärtig. Es zeigt, wie wichtig es ist, aufeinander zuzugehen und nicht gleichgültig zu sein. Die Schule ist so ein wichtiger Ort. Es zeigt auch, dass man selbst bei über 18-jährigen Schülern die Eltern informieren und einbeziehen muss.“ Und die meisten von denen, die sich zum Gedenken versammelt hatten, wissen heute noch genau, was sie an diesem Tag gemacht haben.
So wie beispielsweise Kultusminister Christoph Matschie. „Ich war Bundestagsabgeordneter, habe es unterwegs im Radio gehört“, erinnert er sich. „Ich war schockiert, konnte es nicht glauben. Gemeinsam mit Gerhard Schröder, der damals Bundeskanzler war, bin ich am nächsten Tag nach Erfurt gefahren. Später habe ich dafür gesorgt, dass der Bundeskanzler auch die versprochenen zehn Millionen Euro für den Schul-Umbau überwiesen hat.“ Auch Oberbürgermeister Andreas Bauswein kann sich gut erinnern: „Ich werden den Tag nie vergessen, weiß sogar noch, was für Wetter war. Damals war ich zum Praktikum im Landtag.“ Vor dem Gutenberg-Gymnasium ist Totenstille. Punkt 11 Uhr läuten in der ganzen Stadt die Glocken. Dort, wo vor zehn Jahren ein Schild mit dem Wort „Hilfe“ im Fenster hing, stand jetzt „Wir gedenken“ Auf der Schultreppe lag ein Gebinde mit Sonnenblumen, Schüler standen auf der Treppe und hielten Sträuße in den Händen, die sie später an der Gedenktafel niederlegten. Immer wieder sah man junge Menschen, die sich in den Armen hielten und weinten. Ein Vater, dessen Söhne damals Gutenberg-Schüler waren, berichtete, wie er und andere sich dafür einsetzten, dass die Schule erhalten blieb, wie er und andere Eltern für eine Änderung des Waffengesetzes gekämpft haben.
Ein Schüler las die Namen der getöteten Lehrer vor, berichtete über ihre Charaktereigenschaften und wie sie auf die Schüler wirkten. Unter all den Menschen, die zum Gedenken gekommen waren, war auch Lehrer Rainer Heise. Er sperrte Robert Steinhäuser damals in den Klassenraum 111, wo der sich dann erschoss. Der Lehrer hat vor fünf Jahren den Dienst aufgegeben – aber die Bilder verfolgen ihn.
Genauso geht es auch dem Hausmeister Uwe Pfotenhauer, der damals seine toten Kollegen identifizieren musste. Er arbeitet noch heute am Gymnasium, geht oft den Weg in der Schule, den auch der Amok-Schütze genommen hat. „Ich bleibe auch hier an der Schule“, sagte er. „Mich kriegt niemand weg. Aber ich kann heute damit umgehen.“ So wie ihm geht es auch den anderen Lehrern, die noch am Gutenberg-Gymnasium arbeiten.
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© Matthias Gränzdörfer
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