Thüringen (Stefan Wogawa) - Da veröffentlicht eine regionale Tageszeitung am 30. Juni 2011 einen als „Leserbrief" bezeichneten, mit Beleidigungen gespickten Schmähbrief gegen einen Politiker, den Oppositionsführer im Thüringer Landtag. Er enthält Anwürfe wie „religiöser Spinner" und „ideologisch-politische Flachzange", das Handeln des Mannes sei „objektiv Zersetzungstätigkeit und parteischädigendes Verhalten". (1)
Bodo Ramelow, der Fraktionsvorsitzende der Linken, gegen den sich der Schmähbrief richtet, ist über die Veröffentlichung verständlicherweise empört. Auch, weil in dem Schreiben die krude Frage aufgeworfen wird, von welchem „Verfassungsschmutz" (gemeint ist wohl der Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz) Ramelow denn entsandt worden sei, um eben diese „Zersetzungstätigkeit" in der Linken zu betreiben. Der Briefschreiber behauptet, sich diesbezüglich auszukennen, denn er besitze „Berufserfahrung in der DDR-Abwehr". Der Vorwurf ist besonders perfide, wehrt sich Ramelow doch seit Jahren juristisch gegen die geheimdienstliche Beobachtung durch eben jenen Verfassungsschutz.
Ramelow schickt, um seine Verwunderung über die Veröffentlichung auszudrücken, am 4. Juli per Fax und Mail einen eigenen Leserbrief an die Zeitung, der nicht erscheint, schreibt am 7. Juli an deren Chefredakteur einen Brief, der ohne Antwort bleibt, schreibt nochmals am 15. August an den Chefredakteur, weil der Schmähbrief immer noch in der Internetpräsentation enthalten ist, während sein eigener Leserbrief weder abgedruckt noch zurückgesandt wird (nicht einmal den Eingang hat man ihm bestätigt). Eine Antwort erhält er nicht. Zwischenzeitlich wendet er sich an den für mediale Verfehlungen zuständigen Presserat.
Nach mehr als zwei Monaten, am 2. September, reagiert die Zeitung sehr speziell – mit einer ganzseitigen Attacke auf Ramelow, in der Schlagworte wie SED, Kuba, Mauerbau, „Junge Welt", „Neues Deutschland", Stasi, Antisemitismus und sogar ein abgebrochenes Interview mit dem „Spiegel" auf ihn einprasseln. Abgedruckt wird jetzt zwar auch sein Leserbrief, den man aber, mit heftigen Vorwürfen garniert, ausgiebig kommentiert.
Die „Thüringer Allgemeine" (TA), um die es hier geht, gehört zur „Zeitungsgruppe Thüringen" (ZGT). Matthias Biskupek, der scharfzüngige Satiriker aus Rudolstadt, nennt diese Gruppe in einem Beitrag ein „Regionalkartell" (2) des in Essen ansässigen Medienkonzerns „Westdeutsche Allgemeine Zeitungsverlagsgesellschaft" (WAZ) – zu Recht, denn die Blätter der Zeitungsgruppe sind in vielen Regionen Thüringens Monopolisten.
Eigene Grundsätze vom Tisch gewischt
Es wird zwar ein anderer Redakteur als Verantwortlicher für die gegen Ramelow gerichtete Zeitungsseite genannt, die Verantwortung für diesen Tiefpunkt der Medienkultur liegt indes ganz klar bei TA-Chefredakteur Paul-Josef Raue, der höchstselbst einen Beitrag beigesteuert hat, an prominenter Stelle platziert. (3) Es ist eine überhebliche, als „Analyse" bezeichnete Belehrung, die sich gegen Ramelow und andere potentielle Störenfriede der Zeitungs-Allmacht wendet. Kritik am Blatt hält man bei der TA offenbar für eine Art der Majestätsbeleidigung. Deshalb wird frech behauptet, Ramelow wolle „bestimmen, wer was zu sagen hat". Sein kaum anmaßend zu nennendes Anliegen, in der TA nicht beleidigt zu werden, tut Chefredakteur Raue mit Häme ab, redet relativierend von „vermeintlichen Beleidigungen" und wertet eine der Aussagen des Schmähbriefs (mit dessen Autor die TA offenbar intensiveren Kontakt hatte), Ramelow habe „von Tuten und Blasen keine Ahnung", sogar noch auf. Diese „Meinung über Politiker dürfte", so Raue, „wenn man Umfragen vertraut, keine Einzelmeinung sein." Eine Botschaft trieft geradezu aus Raues Zeilen: wer sich mit uns anlegt, wer uns kritisiert, wird fertig gemacht.
Und wenn es gegen Kritiker geht, wischt Raue auch eigene Grundsätze schnell vom Tisch. In einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung hatte er 2006 Journalisten bei der Veröffentlichung von Leserbriefen die Rolle als „kompetenter Vermittler" zugewiesen, „der wichtige Stimmen erkennt und heraushebt, Strafbares (wie Beleidigungen oder falsche Tatsachen) streicht". (4) Doch der sich selbst „Phönix des Westens" nennende mutmaßliche Neurotiker (mittlerweile liegen der TA-Redaktion noch viel üblere Zuschriften von ihm vor), der den Schmähbrief geschrieben hat, ist alles andere als eine wichtige Stimme, sein „Leserbrief" enthält Beleidigungen („auf einem großen Marktplatz", als den Raue eine Tageszeitung nach eigenen Worten ansieht, hätte sich der „Phönix" für seine Unverschämtheiten womöglich schnell einen Satz heiße Ohren geholt). Deshalb wohl Raues merkwürdige argumentative Verrenkungen in seiner „Analyse".
Statt den Schmähbrief aus dem Netz zu nehmen und Ramelows Antwort ungedruckt zurückzusenden, nutzt der Chefredakteur seine Macht auf Deutungshoheit und widmet sich dem Leserbriefschreiber Ramelow auf eigenwillige Weise. Man teilt der gesamten Leserschaft der TA mit, dass man Politikern keinen Raum auf der Leserbriefseite gewähre. Gut, das ist zu akzeptieren – aber das hätte man Ramelow auch per Post, Telefon oder Mail sagen können. Das wollte Raue aber nicht, stattdessen sollten die Leser teilhaben, wie man Ramelow eine Lektion erteilt.
In einem Artikel auf der gegen Ramelow gerichteten TA-Seite, dessen Verfasser(-in) nicht genannt wird, heißt es ausgerechnet, die Leserbriefseite sei die „Seite des Volkes". Des Volkes? So hieß die Zeitung doch früher, sozusagen in einem anderen Leben, als sie noch als „Das Volk" das mächtige „Organ der Bezirksleitung Erfurt der SED" war. Schon damals wurde vor allem politisch entschieden, welche Leserbriefe veröffentlicht werden (gelegentlich produzierte man sie sogar selbst). Aber diese feine Ironie scheint einem Herrn Raue nicht aufzufallen. Ihm, dem selbsternannten Versteher der Ostdeutschen (in seiner „Analyse" erläutert er, dass er – im Unterschied zu Ramelow – Sprache und „Denken" des Schmähbriefschreibers verstehe) und „Brieffreund" eines einst aktiven DDR-„Abwehr"manns (es handelt sich offenbar um einen ehemaligen IM der DDR-Staatsicherheit aus Erfurt).
In Raues Artikel wird dann sogar noch behauptet, Ramelow habe die Zeitung beim Presserat „verklagt". Das klingt schön dramatisch und passt zum Zerrbild, das Raue und seine Mittuer vom Fraktionsvorsitzenden der Linken zeichnen wollen.
Doch Raue, Ko-Autor eines Werkes namens „Das neue Handbuch des Journalismus", sollte es eigentlich besser wissen. Beim Presserat kann man sich beschweren – genau das hat Bodo Ramelow getan –, wenn man der Meinung ist, dass in einer Zeitung, einer Zeitschrift oder einem journalistisch-redaktionellen Beitrag aus dem Internet gegen den Pressekodex verstoßen wurde. „Die Berufsethik räumt jedem das Recht ein, sich über die Presse zu beschweren", betont der Presserat. (5) Bei Raue klingt es eher, von Berufsethik ziemlich frei, als sei die Presse allgemein und die TA insbesondere ein von Kritik auszunehmender öffentlicher Akteur. Man stelle sich das vor: der Täter greift mit seiner geballten Macht das Opfer an – weil es um sein Recht kämpft!
Noch schwerer wiegt allerdings, dass ein ehemaliger TA-Redakteur genauso wie der Bürgerrechtler Matthias Büchner mit diesem sehr speziellen Leserbriefschreiber bereits viel schlimmere Erfahrungen sammeln mussten. Die Vorgänge sollten der TA-Redaktion bekannt sein, aber auch darauf kommt es Raue wohl nicht an.
„Dampfplauderer und Despot"
Um wen handelt sich eigentlich bei diesem Paul-Josef Raue, 1950 in Castrop-Rauxel geboren? Wie der Meinungsforscher und Kommunikationsberater Klaus Kocks 2010 im „prmagazin" berichtet, sei „der hochgezogene Sportreporter Paul-Josef Raue" jemand, den seine „untergebenen Kollegen" als „Doppel-D" bezeichneten: „Das steht für Dampfplauderer und Despot." (6)
Raues journalistische Berufsbiographie macht deutlich, dass er es selten lange ausgehalten hat – oder ausgehalten wurde. Seine Berufserfahrung hat er bis heute hauptsächlich bei Regionalzeitungen gewonnen. Die Aura des Provinziellen ist evident.
Bei den Blättern, die Raue verlassen hat, wird mit Blick auf das Wirken des verblichenen Chefredakteurs gelegentlich sogar die alte Volksweisheit „toter König, guter König" ignoriert. Nur Gutes redet man dort mitnichten über ihn.
Bei der „Frankfurter Neuen Presse" war er 1996/97 Chefredakteur. In einem Artikel in der Zeitschrift „Journalist", einem Porträt Raues von 2010, heißt es: „Am Ende fordert der Betriebsrat unmissverständlich Raues Rauswurf. Und die Geschäftsführung beugt sich. Ein ungewöhnlicher Vorgang." (7)
Auch bei der „Volkstimme" in Magdeburg, von Raue 1999-2001 als Chefredakteur beglückt, gab es Schwierigkeiten: „Das Wirken von Paul-Josef Raue brachte das Betriebsklima auf einen bisher unbekannten Tiefpunkt; er verschüttete jegliche Motivation", schreibt 2001 das Medienmagazin „M", herausgegeben von der Gewerkschaft ver.di. (8) Raue sei nach Magdeburg geschickt worden, um dort den Trend der kontinuierlich sinkenden Auflage zu stoppen und umzukehren. „M" berichtet: „In seiner rund zweijährigen Amtszeit setzte das Blatt den bisherigen Trend fort und verlor weitere 15.000 Abonnenten. Allerdings setzte Raue die schon in seine Vorgänger gesetzten Erwartungen (...) zum Personalabbau in der Redaktion weiter konsequent um."
Rüge wegen Irreführung der Leser
Der Redaktion der „Braunschweiger Zeitung" stand Raue von 2001 bis zu seinem Wechsel nach Thüringen vor. „Das ist das Ende einer Schreckensherrschaft", zitiert die „Tageszeitung" (taz) eine Meinung aus der Redaktion nach Raues Weggang. (9) Mit der Braunschweiger Zeitung hat Raue auch eine Rüge des Presserates – und damit dessen härtestes Sanktionsmittel – eingefahren, wegen Irreführung der Leser. Laut Presserat verstieß die Zeitung „mit der Berichterstattung über den Neubau eines Einkaufszentrums gegen die journalistische Sorgfaltspflicht (...). Sie hatte über einen längeren Zeitraum über die geplante Wiederherstellung der Fassade des abgerissenen Braunschweiger Schlosses vor einem dahinter geplanten Einkaufszentrum berichtet. Dabei hatte sie immer wieder von einer Rekonstruktion und einer Kopie des Schlosses gesprochen. Dies ist aus Sicht des Presserats falsch und für die Leser irreführend, weil die geplante Wiederherstellung eines eher zweidimensionalen Bauobjekts tatsachenwidrig als dreidimensionaler historischer Baukörper dargestellt wird." (10) Im selben Zusammenhang hatte der Presserat bereits 2004 zwei Missbilligungen ausgesprochen. Aus Bürgerinitiativen wurde Raue in Braunschweig vorgeworfen, weniger für eine „Bürgerzeitung" als für eine „Bürgermeisterzeitung" zu stehen, schreibt die taz. Für Braunschweigs Oberbürgermeister (von 1967 bis 1969 Mitglied der NPD, ab 1970 der CDU), für dessen Wahl Wirtschaftsvertreter 2001 mit ganzseitigen Anzeigen in der „Braunschweiger Zeitung" geworben hatten, stellte der Bau des Einkaufszentrums ein Prestigeprojekt dar, für das der Stadtrat mit nur einer Stimme Mehrheit stimmte. (11)
Das Engagement von Raue, aus Sicht der WAZ-Mediengruppe „einer der erfahrensten und renommiertesten deutschen Chefredakteure" (12), bei überregionalen Medien ist nicht nur überschaubar, sondern marginal. Beim Magazin „Stern" hielt es der Magister der Philosophie nur ein paar Monate aus. Die Wirtschaftszeitschrift „Econy", bei deren Start 1998 Raue dabei war, brachte es überhaupt auf nur sechs Ausgaben. Am Folgeprojekt „Brandeins" war Raue schon nicht mehr beteiligt. Im „Spiegel Special" Nr. 1/1999, dem er den Beitrag „Trickser im Trikot" mit Jammerei über das Fehlen von Fairness auf dem Fußballplatz beisteuert, wird er als „freier Journalist in Hamburg" bezeichnet. (13) Wie Raue überhaupt zu dem kurzlebigen Wirtschaftsblatt kam, lässt sich zumindest erahnen – er kannte „Econy"-Gründerin Gabriele Fischer vom gemeinsamen Besuch der Hamburger Journalistenschule.
Nicht unbedingt sympathischer macht Raue, dass „der Sonntagsredner" (taz) „seine Blätter mit elogenhaften Eigenkommentaren bläht" (Kocks). In der mit solcherart Blähungen üppig gespickten Raue-Kolumne „Friedhof der Wörter" konnten sich TA-Leser beispielsweise darüber belehren lassen, warum der Papst alternativlos als „Heiliger Vater" anzureden sei. (14)
Überhaupt der Papst: Auch bei einer Leseraktion zum bevorstehenden Papstbesuch in Thüringen, natürlich moderiert von Raue, kamen hinterher fast nur positive Meinungen ins Blatt. Und gemeinsam mit der Thüringer Staatskanzlei sucht die TA inzwischen sogar „Familien, die den Papst am 23. September auf dem Erfurter Flughafen begrüßen". (15)
„Aus Kacke Kuchen machen"
Die Änderungen, die Raue der TA seit seinem Amtsantritt Ende 2009 aufdrückt, gelten als lupenreines Sparprogramm. Wie auf diese Weise die von Raue gebetsmühlenartige beschworene bessere Qualität erreicht werden soll, steht in den Sternen. Es geht wohl viel eher um mehr Rendite, die Tageszeitung wird als ein Produkt gedacht, wie ein Stück Käse oder eine Rolle Toilettenpapier. Raue habe, so merkt Kocks an, mit der „Braunschweiger Zeitung" bereits „die billigste Seite eins im WAZ-Konzern" gemacht (Kocks: „Für den Content habe ich mir am Kiosk immer eine Bild dazugekauft.") In Braunschweig hat Raue auch die Einführung des inzwischen als neue Allzweckwaffe der Zeitungsgruppe Thüringen gepriesenen „Newsdesks" exekutiert. Künftig sollen mit solchen Instrumenten alle Lokalausgaben der TA und ein gemeinsamer Mantel von TA und „Ostthüringer Zeitung" zentralisiert produziert werden. Ihrer Einführung, die letztlich zu einem banalen Medien-Einheitsbrei führt, hatte sich Raues langjähriger Vorgänger als TA-Chefredakteur, Sergej Lochthofen, widersetzt – und bekam den Stuhl vor die Tür gesetzt. Klar ist, bei Raue handelt es sich den Chefredakteurskandidaten des Managements. Der Coup, ihn in Erfurt einzusetzen, gilt denn auch als Werk des hiesigen WAZ-Statthalter Klaus Schrotthofer (Biskupek: „für seinen Namen kann er nichts"), einer der Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen. Bereits in der Pressemitteilung der WAZ zur Ablösung von Lochthofen hatte Schrotthofer angedroht, „zusammen mit Paul-Josef Raue die Einführung innovativer Redaktionsstrukturen in Thüringen fortzusetzen". (16) Noch Monate nach dem Amtsantritt bei der TA begegnen Raue „viele Redakteure mit Argwohn", so das Medium-Magazin im Frühjahr 2011. (17)
Die aktuelle aggressive Nervosität Raues ist durchaus verständlich. Die Auflagen sind nicht berauschend, gelten bei der ZGT deshalb anscheinend als besonders heikle Angelegenheit. Die Thüringer Blog-Zentrale berichtete kürzlich, dass die TA zwar titelte „Wir begrüßen 20.000 neue Leser", während Abonnentenzahlen und verkaufte Auflage der ZGT-Titel laut der „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V." rückläufig sind. Das Wunder erklärte sich dergestalt, dass die TA Zahlen einer Umfrage heranzog, bei der Menschen danach gefragt wurden, ob sie Produkte der ZGT lesen. Also nicht unbedingt eine gekaufte Zeitung, sondern vielleicht eine, die jemand auf dem Klo hat liegen lassen. Das Ergebnis einer derartigen Analyse nennt sich dann „Reichweite". Nach der Veröffentlichung der Zusammenhänge bekam die Thüringer Blogzentrale (elektronische) Post von einer Anwaltskanzlei, die die ZGT vertritt. (18) Die Blogzentrale wurde aufgefordert, den Beitrag aus dem Netz zu entfernen.
Und Qualität sieht ohnehin anders aus als das, was Raue gerade mit der TA produziert. Ein Beispiel: Im April 2011 wird dort ein Foto veröffentlicht, das Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig und seinen mit Akten beladenen persönlichen Referenten neben dem Dienstwagen des Ministers zeigt. Im Bildtext behauptet ein TA-Redakteur: „GOLDIG: Bodo Ramelow und Matthias Machnig steigen in einen Audi." Will heißen: Goldig – Oppositionsführer Ramelow als Aktenträger des Ministers. Als die Zeitung auf den dummen Fehler hingewiesen wird, reagiert man dort trotzig. Versteckt auf der Leserbriefseite erscheint eine kleine Notiz als Einspalter, statt einer Entschuldigung enthält er die sinnfreie Erklärung „Von oben gesehen sind alle Kontrahenten gleich". (19)
So ein Patzer wäre einem seriösen Medium wenigstens peinlich. Wenn man einen derartigen Fehler macht, ist es unter Journalisten mit Berufsethos – ja mit Anstand – eine Selbstverständlichkeit, ihn zuzugeben und sich zu entschuldigen. Nicht so die TA unter der Ägide eines Raue. Der sei „berühmt dafür, aus Kacke Kuchen zu machen", schreibt Kommunikationsberater Kocks. Die stinkt freilich trotzdem. Doch der Platzhirsch reagiert auf die Aufdeckung eigener Fehler mit Gegenangriffen.
Dieses Unvermögen, nicht um „Entschuldigung" bitten zu können, das beim aktuellen Vorfall noch brisanter ist, hat natürlich nicht nur eine strukturelle, sondern auch eine individuelle Komponente. Gemeint ist Raue. Der einstige redaktionelle „Schreckensherrscher" meint anscheinend, er sei inzwischen in Thüringen die letzte Instanz. Oder schon die Inquisition? Er wurde 2008 mit dem „Lokaljournalistenpreis" der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (20) durchaus angemessen geehrt. Hofft er jetzt auf die Möglichkeit, dass ihm vielleicht sogar der „Heilige Vater" in Erfurt auf die Schulter klopft, eine Geste sozusagen von Unfehlbarem zu Unfehlbarem? Das hätte geradezu als die Krönung eines solchen Journalistenlebens zu gelten.
Stefan Wogawa
(1) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Leserbrief-Joachim-Schlaack-ueber-den-Antisemitismusstreit-in-der-Linken-1602874104
(2) http://www.sopos.org/aufsaetze/4b30a06b1be77/1.phtml
http://www.bpb.de/veranstaltungen/W224P6,0,Wir_sind_Treuh%E4nder_der_Leser.html
(3) http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Was-ist-eine-politische-Flachzange-1954971394
(4) http://www.bpb.de/veranstaltungen/W224P6,0,Wir_sind_Treuh%E4nder_der_Leser.html
(5) http://www.presserat.info/inhalt/beschwerde/beschwerdeordnung.html
(6) http://www.cato-sozietaet.de/pdf/2010_05/PRMAG_MAERZ_2010_GLOSSE_KK_SAG_LEISE_SERVUS.pdf
(7) http://www.ralf-geissler.de/2010/04/der-aufraumer/
(8) http://194.245.102.185/publikationen/m/2001/08_09/main.html
(9) http://www.taz.de/1/nord/artikel/?dig=2009%2F12%2F04%2Fa0016&cHash=ee8beee474
(10) http://de.wikipedia.org/wiki/Braunschweiger_Zeitung#Beschwerden_beim_Presserat
(11) http://de.wikipedia.org/wiki/Gert_Hoffmann
(12) http://www.waz-mediengruppe.de/fileadmin/template/Inhalte/Downloads/PDF/Pressemitteilungen_2009/PMRaue.pdf
(13) http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8591537.html
(14) http://www.thueringer-allgemeine.de/blogs/friedhof-der-woerter/-/blogs/sehr-geehrter-herr-papst?_33_redirect=%2Fblogs%2Ffriedhof-der-woerter
(15) http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Unsere-Zeitung-bringt-drei-Familien-zu-Papst-Benedikt-1866396870
(16) http://www.waz-mediengruppe.de/fileadmin/template/Inhalte/Downloads/PDF/Pressemitteilungen_2009/PMRaue.pdf
(17) http://www.mediummagazin.de/archiv/2011-2/ausgabe-32011/der-nachfolger/
(18) http://www.thueringerblogzentrale.de/2011/08/21/die-zeitungsgruppe-thuringen-schickt-uns-einen-anwalt/
(19) http://www.thueringenlinks.de/thueringen_links_aktuelles/linkes_thueringen_exklusiv/ (Artikel: Allgemeiner Abstieg – Die TA und ihr „sensationelles" Foto)
(20) http://www.kas.de/wf/de/71.7292/
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