Erfurt (dp) – Jetzt erst recht kann Erfurt als Spitzenkandidat für die Welterbe-Bewertung auftreten. Nach der Weltsensation um den jüdischen Goldschatz in der alten Synagoge, ist jetzt ein Haus, nur ein paar Meter entfernt, in den Blick der Archeologen und der Medien gestoßen.
Landeskonservator Holger Reinhardt (links) und Ingo Mlejnek, Beigeordneter für Bau und Verkehr erläutern den Fundus.
© Foto: dpIn dem steinernen Haus des Salemon de Ascaphenborc von 1250 wurde ein Raum mit Deckenmalerei und Öllampennische mit Rauchabzug entdeckt, die in Europa als absolute Sensation gilt; zumal aus dieser Epoche. Das macht stadtgeschichtlich natürlich super stolz – ohne Frage.
Nun konkret: Ein Steinbau, der wohl zu den bedeutendsten Zeugnissen profaner spätmittelalterlicher Wohnräume in deutschen Städten zählen dürfte, hat sich im Zentrum der Erfurter Altstadt erhalten. Es handelt sich um das sogenannte „Steinerne Haus" mit einem mittelalterlichen Keller, einer farbig gefassten Holzbalkendecke aus dem 13. Jahrhundert im ersten Obergeschoss sowie den Resten eines Stufengiebels. Das Gebäude befindet sich mitten im Jüdischen Quartier und war seit 1293 nachweislich in jüdischem Besitz.
Bei einem Arbeitskolloquium im März trafen sich Wissenschaftler und Restauratoren, die bereits Untersuchungen an dem Gebäude vorgenommen haben. „Das Treffen diente dazu, den Kenntnisstand auszutauschen, zusammenzufassen und kritisch zu diskutieren sowie die bisher gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse systematisch zusammenzutragen. Zudem wurden Forschungslücken und zukünftige Aufgaben ermittelt", erklärt Landeskonservator Holger Reinhardt.
Wichtigstes Ergebnis des Kolloquiums: Die herausragende Bedeutung des Bauwerks wurde von allen Experten bestätigt. „Aus diesem Grund werden wir das „Steinerne Haus“ in unseren Welterbe-Antrag mit aufnehmen“, sagt Ingo Mlejnek, Beigeordneter für Bau und Verkehr. Die von der UNESCO geforderte Authentizität und Integrität, also die historische Echtheit und die Unversehrtheit, seien hinreichend belegt. „Als jüdischer Profanbau des Mittelalters ergänzt er den geplanten Welterbe-Antrag mit den rituellen Bauwerken Alte Synagoge und Mikwe in idealer Weise", fasst Mlejnek zusammen.
Nach weiteren Forschungsarbeiten wird eine Entscheidung über die zukünftige Nutzung getroffen. Mittelfristig könnten im Keller des Gebäudes die mittelalterlichen Grabsteine vom jüdischen Friedhof aufbewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Die Bebauung der Liegenschaft Benediktsplatz 1 in der Erfurter Altstadt ist ein Konglomerat aus mehreren, über die Jahrhunderte zusammengewachsenen Baugliedern. Der „Zum Paradies und Esel" genannte Gebäudekomplex lag im 13. Jahrhundert in einem Quartier, welches vorwiegend von Juden bewohnt war. Nach ersten Erweiterungen 1366, 1371 und 1375 erfolgte 1639 die Vereinigung verschiedener Grundstücke und Bauglieder zum Komplex „Zum Paradies und Esel", dem 1745 das Grundstück „Zum Rosenkranz" hinzugefügt wurde. Für das bekannteste Gebäude „Zum Paradies" sind erste namentliche Zuordnungen und jüdische Besitzer für das Ende des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich. Der Steinbau erhält durch verschiedene Aspekte eine enorme Bedeutung.
Zum einen erhebt sich der Bau über einem mittelalterlichen Keller, dessen Bauphasen anhand eines romanischen Portals bis in das 12. Jahrhundert zurückdatiert werden können. Ein Innenportal aus dem 13. sowie eine Einwölbung aus dem 14. Jahrhundert, ergänzen den außergewöhnlichen Befund.
Als ein herausragendes und mögliches Zeugnis spätmittelalterlicher Wohnräume kann das 1. Obergeschoss des Steinernen Hauses angeführt werden. Um 1300 geht aus den Quellen eine „caminata" hervor. Eine Kemenate als typische Bauform eines Steinbaus könnte auf einen Raum im 1. Obergeschoss übertragen und eine Wohnnutzung angenommen werden.
Dafür könnte seine kulturhistorisch wertvolle Gestaltung sprechen. Sowohl die erhaltenen Holzdeckenbalken als auch die Deckenbretter weisen eine farbliche Fassung mit unterschiedlicher Ornamentik auf. Bereits 1992 erfolgten in diesen Bereichen restauratorische, kunsthistorische und dendrochronologische Untersuchungen. Im Ergebnis wurde der Raum in etwa auf das Jahr 1250 datiert, und bestätigt, dass es sich um die Erstfassung handelt. Allerdings ist die ursprüngliche Nutzung weiterhin unklar, da ähnliche, aber jüngere Fassungsbefunde auch in repräsentativen Verkaufs- und Lagerräumen zu finden sind.
Weiterhin von herausragender Bedeutung ist der Stufengiebel im Dachgeschoss des Gebäudes, der die Raumsituation im Übergang vom Steinernen Haus zum Querhaus dominiert. Seine an dieser Stelle heute ungewöhnliche Platzierung und der gute Erhaltungszustand der Oberflächen mit sichtbaren Ritzfugen resultiert aus der Überdeckung durch einen Anbau von 1385/86. Der Gebäudekomplex „Benediktsplatz 1" ist ein bedeutendes Objekt für die Kulturgeschichte.
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