Er wurde jetzt auf einer Baustelle gefunden

Der älteste jüdische Grabstein stammt nun von 1244

Erfurt (dp) – Wenn in der Altstadt von Erfurt gebuddelt wird, kann man immer damit rechnen, dass neue historische Funde gemacht werden.

alle Bilder anzeigen Bild anzeigen

Dr. Maria Stürzebecher mit einem geheimnisvollen alten Grabstein.

© Foto: dp

Das trifft derzeit besonders auf das Gelände zwischen der Andreasstraße, der Großen Ackerhofsgasse und der Moritzstraße zu, denn dort entstehen neue Häuser. „Dabei kamen zahlreiche mittelalterliche jüdische Grabsteine neu zu Tage“, berichtete Ingo Mlejnek, Beigeordneter für Bau und Verkehr. Und die neuesten Funde konnte er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Dr. Maria Stürzebecher auch gleich präsentieren. Sie sind derzeit im Depot des Angermuseums in der Salinenstraße untergebracht. Nahe dem Fundort befand sich bis zum 15. Jahrhundert ein Friedhof der Jüdischen Gemeinde Erfurts.

Später wurde auf dem Gelände eine Scheune, noch später ein Kornspeicher errichtet, der noch heute steht. Und in dessen unmittelbarer Nähe wurden nun bei Bauarbeiten eine ganze Anzahl Grabsteine entdeckt, die noch älter als die bisherigen sind. Bei dem Stein, die im Februar entdeckt wurden, glaubte man schon den ältesten gefunden zu haben. Er wurde bereits der Öffentlichkeit vorgestellt und trägt den Namen „Dolce“ und ist von 1259. Nach den neuen Funden stammt der älteste jüdische Grabstein nun aus dem Jahr 1244. Durch eine Bruchstelle ist der Name leider nicht mehr zu lesen. „Der zweitälteste Stein ist derjenige des David aus dem Jahr 1250“, so Ingo Mlejnek. Ein dritter Stein, der entdeckt wurde, ist auch etwas Besonderes. Er stammt vermutlich aus dem Jahr 1340 und wurde für Hanna gesetzt. Hier ist die Inschrift für Erfurt außergewöhnlich. Sie enthält die damals gängigen Angaben zum Namen der Verstorbenen, ihren Vatersnamen und das Sterbedatum. Aber darunter ist ein langer, poetischer Segensspruch auf den Sandstein eingraviert.

„Dies ist nicht nur eine normale Grabinschrift“, erklärte Dr. Maria Stürzebecher. „Es ist ein poetischer Text mit Wünschen für die Verstorbene.“ Der Spruch ist leider nur schwer zu lesen, weil die Oberfläche teilweise von einer Sinterschicht überzogen ist. Hier tritt nun die Fachhochschule Erfurt auf den Plan. Der Stein wurde am Donnerstag, 28. Juni, dorthin transportiert, wo die Oberfläche gereinigt werden soll. Es geht dabei allerdings nicht um eine Reinigung des gesamten Steines, sondern nur soweit, dass die Inschrift wieder lesbar gemacht wird. Das ist eine gute Übung für die Studenten, denn in der Fachhochschule wurde in den letzten Jahren eine ganze Reihe von mittelalterlichen jüdischen Grabsteinen bearbeitet. Insgesamt sind heute 58 dieser Steine und Grabsteinfragmente erhalten.

Meist sind es kleinere Bruchstücke, auf denen nur einzelne Buchstaben oder wenige Worte zu lesen sind. Manche wiederum sind komplett erhalten geblieben. Drei der Steine werden in der Alten Synagoge ausgestellt, die anderen bleiben im Depot des Angermuseum – bis der Wunsch von Maria Stürzebecher doch noch in Erfüllung geht: Einen Raum zu finden, in dem alle Steine zusammen gezeigt werden können. Denn die Erfurter Steine sind schon eine Seltenheit. Sie stammen alle aus der Zeit zwischen der Mitte des 13. und dem frühen 15. Jahrhundert und „einwichtiges Zeugnis für die jüdische Vergangenheit und die Erfurter Stadtgeschichte“, wie Ingo Mlejnek erklärte.
Doris Moenchgesang

Bewerten Sie diesen Artikel

5.0
5,0 (4 Stimmen)

Möchten Sie diesen Artikel

Versenden Drucken
Anzeige

Noch keine Kommentare vorhanden

Zu diesem Artikel wurde noch kein Kommentar hinterlassen, schreiben Sie doch den ersten.

Diesen Artikel versenden

Absender-E-Mail:*
Empfänger-E-Mail:*
Nachricht:*

* Pflichtfelder
Als Startseite festlegen Facebook Twitter RSS-Feeds Mobile