Wehrden. Karatemeister Angelo Ottaviano (5°DAN) war jetzt zu Gast bei den Karateschülern von Michael Hösterey, der in Wehrden beim SSV seit einiger Zeit die Kampftechniken des Karate lehrt war es jetzt gelungen einen Meister mit internationaler Karate-Erfahrung (unter anderem trainierte er den Nationaltrainer von Kamerun) einzuladen.
Ottaviano lehrte in Wehrden in der Weyrather-Schule die Kata Heian Sandan. Kata ist ein in sich geschlossenes Verteidigungssystem, bei dem der Karateka die einzelnen Techniken gegen einen imaginären Gegner studiert. Das steigert die Konzentration und das Vorstellungsvermögen und ist eine der Voraussetzungen für die spätere Kampfbereitschaft eines Karatekas. Aus der Kata leitet der Karateka ganz konkrete Verteidigungstechniken ab, die im Ernstfalle angewendet werden können.
Zahlreiche Teilnehmer aus den umliegenden Dojos konnten neue Einflüsse, neue Ideen zur Interpretation der Kata Heian Sandan erfahren. Die Heian Sandan ist eine im Shotokan „untere Kata", die, aufgrund ihrer Teils sehr schwierigen Elemente, zur zweiten und dritten DAN-Prüfung wieder hinzugezogen wird.
Das besondere an der Trainingsweise von Meister Ottaviano ist, dass er bereits in den Aufwärmphasen Techniken des Qi-Gong einbaut. Während des gesamten Trainings achtet Meister Ottaviano genau auf den Fluss der Bewegungen, auf den Fluss des Ki's und weist auf die entsprechenden, wichtigen Techniken hin, die er durch vielfache Wiederholungsübungen vertieft. Für den Meister steht die Entwicklung des Ki's immer im Vordergrund.
Ki bedeutet soviel wie "die Energie, die alles Leben durchfließt". Wir nennen das auch „Lebensenergie". Dies beginnt mit der Empfindung des eigenen Körpergefühls beim Erwärmen. Es entwickelt sich eine auf Atmung basierende Wahrnehmung der Bewegungen. Durch die richtige Atemtechnik verbindet der Karateka seinen geistig-seelischen Wollen (Absicht) mit dem Körper. Das wirkt beruhigend und stärkend zugleich und erhöht die Wahrnehmung des Umfeldes. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Karateka, um alle möglichen Situationen im Vorfeld zu erkennen, um darauf in angemessener und erwarteter Weise reagieren zu können. Dazu zählt vor allem auch das rechtzeitige Vermeiden von sich anbahnenden Konflikten!
Angelo Ottaviano lebt seit seiner Kindheit zwischen Italien und Deutschland. Seine Eltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Bereits früh musste er sich dadurch auf die immer wieder neuen Lebensumstände einstellen. Stellt man sich einen gestandenen Karateka vor, so kommt einem schnell das Bild eines großgewachsenen, stark aussehenden Athleten in den Sinn. Das ist aber Meister Angelo, ca. 1,70 groß uns sehr schlank, nicht.
Michael Hösterey (M.H.) führte nach den beiden Übungseinheiten ein Gespräch mit Angelo Ottaviano.
M.H.: Angelo, wie bist Du eigentlich zum Karate gekommen?
A.O.: Karate war nie wirklich meine Leidenschaft. Daher ist es ganz einfach. Als Kind war ich immer der kleinste und auch der schwächste in meinem Dorf und war tendenziell kränklich. Damit war ich Anzugspunkt aller die stärker waren als ich. Und dann lernte ich das Karate kennen. Es ging mir dabei nie darum zu lernen, andere zu verhauen. Aber ich wollte einfach nicht mehr verhauen werden.
M.H.: Der Weg des Karate, bis zu dem Zeitpunkt, dass man sich verteidigen kann ist doch sehr lang?
A.O.: Ja, das ist richtig. Aber ich habe mich von Beginn an wohl gefühlt. Mein Meister legte großen Wert auf Atmung. Zusammen mit der Bewegung habe ich schon früh wahrnehmen können, dass da etwas ist. Schon nach kurzer Zeit merkte ich ja, dass sich meine innere Kraft aufbaute. Ich schreibe es meiner dadurch entstandenen verbesserten Ausstrahlung zu, dass ich schon sehr schnell nicht mehr Anzugspunkt gewalttätiger Handlungen meiner Mitschüler war. Seitdem wurde Karate ein fester Bestandteil meines Lebens.
M.H.: Dein Karate unterscheidet sich sehr von dem vieler anderer. Worauf führst Du das zurück?
A.O.: Karate wurde für mich ja schon früh zu einer Art Überlebensstrategie. Die heilende Wirkung des Ki's das meine Ausstrahlungskraft stärkte auf der einen Seite, die Kampffertigkeit – eines möchte ich hier anmerken, dass ich niemals in die Verlegenheit kam, sie anwenden zu müssen – auf der anderen, die mir eine subjektive Sicherheit verlieh. Damit war Karate für mich von Anfang an eine Art Überlebens-Notwendigkeit. Ich hatte mit Karate ja nie ein Ziel vor Augen, wie bspw. einmal Weltmeister werden zu wollen, was in der persönlichen Entwicklung eines Athleten ein enormer Zeitverlust sein kann. Das habe ich ja nie angestrebt. Und damit hatte ich schon immer nur auf die persönliche Entwicklung konzentrieren können. Das drückt sich durch mein Karate sehr stark aus. Ich mache ja auch kein Karate für Starke. Die haben ja Kraft. Ich mache es für alle die, die sich schwach fühlen, die sich gesundheitlich, ganzheitlich weiterentwickeln wollen. Das ist auch der Grund, warum ich von diesem harten Karate ab bin. Wir brauchen weiche, sanfte Bewegungen. Und die sind viel, viel härter und effizienter als die Harten abrupten Techniken.
M.H.: Angelo, heute kommen namhafte Karate-Persönlichkeiten zu dir ins Dojo. Was bringst du denen noch bei?
A.O.: Ich komme mit vielen großen Persönlichkeiten zusammen. Das schöne ist, wenn Du selbst etwas aus Deinem Herzen heraus entwickelt hast, etwas das ganz du bist, ist und bleibt es immer etwas Besonderes. Und das kannst du verschenken. Ich bin nicht besser als die vielen anderen Karate-Persönlichkeiten. Aber ein kleinwenig anders. Und dieses Anders-Sein tauschen und schenken wir uns gegenseitig und bereichern uns genau dadurch.
Ich möchte mich nochmal bei allen Karateka des Wehrdener Lehrganges für Ihre aktive und sehr konzentrierte Arbeit bedanken. Es war für mich eine sehr schöne Erfahrung das hohe Niveau der Teilnehmer zu sehen. Das veranlasste mich, die Kata noch tiefer durchzuarbeiten statt der zweiten, die noch geplant war. Auch war es für mich eine wunderbare Erfahrung, von meinem Schüler Michael Hösterey eingeladen worden zu sein, zu sehen, was er mit seinen Schülern entwickelt. Es würde mich außerordentlich freuen, wenn ich etwas habe geben können, dass den Schülern auf ihrem Weg begleiten kann. Oss