Wolfsabweisende Prävention

Herdenschutzzaun praxisnah erlebt

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Die über 50 Teilnehmer konnten an drei Stationen feste Zäune, mobile Zäune und Maschineneinsatz bei der Zaunpflege Informationen erhalten. Hier informiert Herr Mathias Brockob von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen über 3 Arten wolfsabweisender Zäunung für die Wolfsabwehr.

© Foto: privat

Silberborn (ozm) - Die Weidegenossenschaft Weideland eG richtete in Zusammenarbeit mit dem Projektbüro Kooperativer Naturschutz, dem Naturpark Solling-Vogler und der Landwirtschaftskammer Niedersachen am Freitag, 18. September 2020, eine Informationsveranstaltung zum Thema Herdenschutz aus. Auf einer Grünlandfläche der Weidegenossenschaft in Silberborn im Hochsolling wurden feste und mobile wolfssichere Zäune, die passenden Maschinen zur Pflege und Freihalten dieser Zäune und der Einsatz von Herdenschutzhunden vorgestellt. Zurzeit ist der Wolf in unserer Region noch nicht das große Thema, aber aufgrund der zunehmenden Wolfsdichte in Niedersachen wollten sich die Teilnehmer der Veranstaltung mit den Präventionsmaßnahmen zum Schutz der Weidetiere vorsorglich befassen. Vor allem in Nordniedersachsen ist die Wolfspopulation in den letzten Jahren so stark angestiegen, dass es vermehrt zu Nutztierrissen, hauptsächlich bei Schafen aber auch bei Rindern und Pferden gekommen ist, und der Wolf sicher auch in naher Zukunft im Südniedersachsen dauerhaft ansässig wird.
Die Teilnehmergruppe von über 50 geladenen Interessenten, wurden durch die Herdenschutz­beauftragte der Landwirtschaftskammer Niedersachen (LWK), Frau Elke Steinbach, den Leiter der Beweidungsprojekte im Naturpark Solling-Vogler und der Weidegenossenschaft, Herrn Holger Schwerdtfeger und der Ansprechpartnerin für Agrarumweltberatung im Projektbüro Kooperativer Naturschutz, Frau Erika Voss begrüßt und in kleinere Gruppen unterteilt, um die einzelnen Präsentationen inhaltlich besser in den Vordergrund zu stellen und den Corona-Abstandsregeln gerecht zu werden.
Um die Standardanforderung an einen festen, wolfsabweisenden Weidezaun, der nicht nur Rinder und Pferde auf der Fläche, sondern auch den Wolf fern halten soll, darzulegen, baute die Firma PATURA, vertreten durch Herrn Sven Zwirner einen solchen Zaun zur Demonstration auf. Dabei wurde erläutert, welche Anforderungen gegeben sein müssen, um im Zweifel eines Wolfsbesuches durch beste Präventivmaßnahmen geschützt zu sein. Hierbei geht es zum Bespiel um die Abstände der zu setzenden Pfähle, die Anzahl der Litzen und die Mindestabstände der Litzen zueinander. Außerdem muss gewährleistet werden, dass, wenn der Wolf versucht, durch den Zaun zu kommen, genug Stromspannung anliegt, um ihn langfristig abzuschrecken. Die Anforderungen dienen zum einen der physischen Sicherheit gegenüber dem Wolf als Beutegreifer und zum andern der haftungsrechtlichen Fragen, falls tatsächlich Nutztiere, aufgeschreckt durch den Wolf ausbrechen oder gerissen werden und somit ein wirtschaftlicher Schaden entsteht. In Niedersachen gibt es bisher nur Förderung für das Material wolfsabweisender Präventionsmaßnahmen und eine Entschädigung für Tiere und Tierarztkosten, die ausgezahlt wird, wenn bewiesen wurde, dass es sich um einen Wolfsriss handelt. Der feste Zaun wurde mit einer Pfahlramme als permanenter Teilzaun, in den varianten Rinder- und Pferdezaun errichtet und kann in Absprache mit den Verantwortlichen des Naturpark Solling-Vogler auch im Nachhinein besichtigt werden.
Eine weitere Station war der mobile Schaf- und Ziegenzaun, dieser wurde durch die Schafsberater Herrn Brockop und Herrn Brunkhorst von der LWK Niedersachsen vorgestellt. Hierbei ging es, wie auch schon bei dem Festzaun, um die minimalen und maximalen Litzenabstände und die Reissfestigkeit, um unnötig aufkommende Kosten für Reparaturen einsparen zu können. Thematisiert wurden verschiedene Netzgrößen und die Mindesthöhe, die vorgeschrieben ist, um bei einem Tierverlust Schadenserstattung beantragen zu können. Es wurde deutlich, dass es nicht den einen Zaun gibt, der für alle Standorte geeignet ist.
Bei herkömmlicher stromführender Zäunung wird gerne die unterste Litze etwas höher gespannt, damit die Weidetiere den Grasbewuchs unter dem Zaun abfressen können und somit der Pflegeaufwand gering bleibt. Da bei dem wolfsabweisenden Zaun jedoch vorgeschrieben ist, dass die unterste Litze einen Abstand von höchstens 20 cm zum Boden hat, um ein Unterschlüpfen des Wolfes zu verhindern, werden die Weidetiere den Bewuchs unter dem Zaun eher meiden. Um aber gewährleisten zu können, dass der Zaun trotzdem ausreichend Stromspannung führt und dieser nicht durch zu viele Kontakte durch den Pflanzenbewuchs abgeleitet wird, braucht es eine Möglichkeit, den Zaun ordnungsgemäß pflegen und instand halten zu können. Für diese Zaunpflegemaßnahmen wurden zwei Zaunmanagementgeräte, eins durch die Firma Niemeyer GmbH und eins durch die Firma Dabekhausen, vorgeführt. Letztere stellte ihr Gerät im Heckanbau am Schlepper vor, um Geäst, Gebüsch, etc., in einer Stärke bis 10 cm zurückzuschneiden und somit hinter dem Zaun Platz zu schaffen. Herr Jühe, Vertreter der Firma erläuterte während der Demonstration, welche Ausführung des Geräts für welche Gebüschstärke am sinnvollsten ist, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erreichen. Das zweite Gerät, das vorgestellt wurde von der Firma Niemeyer GmbH, vertreten durch Herrn Heumann, soll den Grasbewuchs unter dem Zaun begrenzen und somit die unterste Litze freihalten. Um hierbei die größtmögliche Kontrolle und Präzision zu erreichen, wurde dieses Gerät als Frontanbau am Trecker vorgeführt, das Gerät ist aber auch als Heckanbaugerät erhältlich.
Nach diesen praktischen Vorstellungen zum Zaunbau und Zaunpflege auf der Weide gab es zwei weitere Präsentationen im Dorfgemeinschaftshaus in Silberborn. Zum einen stellte Frau Steinbach vor, welche beratende und fördernde Funktion zum Thema Herdenschutz die Landwirtschaftskammer in Niedersachsen einnimmt, um den Tierhaltern eine bestmögliche Beratung und Hilfestellung zu bieten. Dazu gehört auch die Abwicklung der Fördermaßnahmen der Richtlinie Wolf. Hierbei werden zum einen bei bestätigten Nutztierrissen die Billigkeitsleistungen abgewickelt und zum anderen Präventionsmaßnahmen gefördert. Anschließend stellte Frau Kleemann von der Klosterschäferei Bodmann den Einsatz und die Handhabung von Herdenschutzhunden in Form einer Power-Point-Präsentation, vor. Anders als Hütehunde werden Herdenschutzhunde (HSH) nicht im Haus oder auf dem Hof gehalten, sondern direkt in der Schaf- oder Ziegenherde. Sie werden von klein auf mit in die Herde integriert und werden dort auf ihre zu schützenden Tiere geprägt. Die Hunde müssen ausgebildet und trainiert werden, um dann verschiedene Prüfungen zu durchlaufen, damit sie als offizielle Herdenschutzhunde eingesetzt werden dürfen. Nicht nur die Hunde müssen sich an das Leben in der Herde gewöhnen, sondern auch die Schafe und Ziegen, da diese den Hund, zumeist nur als Hütehund kennen, der dafür sorgt, dass die Herde immer zusammenbleibt. Das heißt, dass der Hund nicht mehr nur treibende Kraft ist, vor der man weichen muss, sondern auch schützende Kraft ist, mit der man koexistieren kann und die einem nichts tut. Der ausgebildete Herdenschutzhund unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse oder zwischen Mensch und Tier. Wenn sich jemand oder etwas Unbekanntes der Herde nähert, versucht er dieses durch lautes Bellen und Drohhaltung zu vertreiben. Hierbei machte Frau Kleemann, die selber Herdenschutzhunde hält, deutlich, welche hohen Anforderungen an die Hunde aber auch an die Halter gestellt werden, um diese Form des Herdenschutzes betreiben zu können.
Durch diese Informationsveranstaltung „Wolfsabweisende Prävention“ konnten alle Beteiligten die Möglichkeiten der Wolfsabwehr und auch die damit verbundenen Schwierigkeiten kennenlernen. Es wurde klar: Der Schutz der Herden wird für alle aufwändiger werden und sich verändern. Man muss umdenken und verstehen, dass nicht nur die Tiere auf ihrer Fläche bleiben sollen, sondern, dass sie zusätzlich durch verschiedene Maßnahmen vor dem Wolf geschützt werden müssen. Das Zusammenleben mit dem Beutegreifer Wolf wird wieder neu erlernt werden müssen und stellt in einem dicht besiedelten und durch Kulturlandschaft geprägten Gebiet, wie wir es in Deutschland haben, eine hohe Herausforderung an das Miteinander dar. Es wird auch keine Patent-Lösung geben, die sich für Jeden und Jede eignet, sondern muss individuell an die Gegebenheiten und Mittel angepasst werden.

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