Unterschiedliche Rahmenbedingungen für die Gleichstellungsarbeit

Keine Gleichstellung unter den Beauftragten

Landkreis Holzminden (ozm) - Der 8. März war in den letzten Jahren immer der Aktionstag der Gleichstellungsbeauftragten (GB) in den Samtgemeinden, Flecken und Stadt Holzminden. Vielfältige Veranstaltungen und Themen wurden am Weltfrauentag in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. In diesem Jahr sind leider keine Veranstaltungen möglich, daher wenden sich die GB in eigener Sache an die Öffentlichkeit.
„Der Verfassungsauftrag ist unbestritten“, so Sigrun Brünig vom Landkreis Holzminden, „sowohl das Grundgesetz, als auch die niedersächsische Verfassung verpflichten die Kommunen und Landkreise die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern und Nachteile für ein Geschlecht zu beseitigen“. Die GB haben die Aufgabe, die Kommunen dabei zu unterstützen.
Wie der Verfassungsauftrag umgesetzt wird, bleibt weitestgehend den Städten und Gemeinden überlassen, lediglich größere Kommunen werden durch das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz zur Bestellung von hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten verpflichtet.
Daher sind die Bedingungen für die GB im Landkreis Holzminden sehr unterschiedlich.
Neben dem Landkreis beschäftigt nur die Stadt Holzminden eine hauptamtliche GB. „Insgesamt kann ich mich nicht beschweren. Die Ausstattung ist sehr gut, die Beteiligung könnte hin und wieder besser sein. Hier muss man die Kolleg*innen oftmals für die nicht sofort erkennbare Gleichstellung sensibilisieren“, so Marion Ruttkowsky.
Als hauptamtliche GB in Teilzeit beschäftigt sie sich zum großen Teil mit internen Vorgängen wie z.B. Stellenbesetzungen und Dienstvereinbarungen.
Hinzu kommen Anrufe, nicht nur von Einwohnerinnen, zu allen möglichen Themen, die sie derzeit beschäftigen. Manchmal aber auch einfach nur um sich mal den Frust von der Seele zu reden. Darüber hinaus versucht sie vier bis fünf Veranstaltungen im Jahr, oft in Kooperation mit der Stadtbücherei oder dem Familienzentrum, zu initiieren.
Als einzige ehrenamtlich tätige GB kann Larissa Justus aus der Samtgemeinde Eschershausen-Stadtoldendorf da nicht mithalten. „Es ist äußerst schwierig, als einzelne Person Projekte und Maßnahmen in Angriff zu nehmen, ohne dass andere dabei mitmachen, unterstützen und begleiten“ so Justus. Außerdem fehlt es an der grundlegenden Ausstattung, um überhaupt arbeiten zu können. Zurzeit befindet sich Larissa Justus in Elternzeit. "Sobald die Kitas aber wieder öffnen und die Kinderbetreuung sichergestellt ist, möchte ich mich für die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Samtgemeinde Eschershausen-Stadtoldendorf einsetzen", so Justus.
In den anderen Kommunen des Landkreises sind nebenamtliche GB bestellt, die neben ihrer hauptamtlichen Tätigkeit in der Verwaltung den Gleichstellungsjob noch zusätzlich erledigen. Damit haben sie zumindest ein Büro zur Verfügung mit der entsprechenden Ausstattung, die für die Arbeit notwendig ist. Die zeitlichen Ressourcen stehen aber auf einem ganz anderen Blatt.
Cornelia Pötter, Samtgemeinde Bevern und Sabine Meyer von Wolff, Samtgemeinde Boffzen sind erst seit kurzem im Amt und noch dabei, sich einen Überblick zu verschaffen. „Ich bin sehr gespannt und freue mich auf die vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen der Gleichstellungsarbeit“, so Pötter. Die Unterstützung des Samtgemeindebürgermeisters ist ihr in jedem Fall zugesichert worden. Sabine Meyer von Wolff ist es wichtig, ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte sowohl von Frauen als auch Männern zu haben. Beide GB wünschen sich mit vielen Institutionen, Vereinen und Menschen ins Gespräch zu kommen.
Ilona Glenewinkel aus der Samtgemeinde Bodenwerder-Polle ist dagegen schon seit über 20 Jahren im Amt. „Nicht für Jede und Jeden das Gleiche, aber das Richtige! Es existieren für mich in der Gleichstellungsarbeit immer die fünf bis sechs Kernthemen wie im Art.3 Abs.2 Grundgesetz beschrieben: Gleichberechtigung der Geschlechter, dazu gehören die Lohnlücke, Vereinbarkeit Familie und Beruf, weibliche Altersarmut, Mitwirkung/Chancengleichheit/Mitbestimmung von Frauen und nicht zuletzt Gewalt.
Diese Handlungsfelder sind so vielschichtig, dass ich mir persönlich „Baustellen“ vor Ort vornehme“, so Glenewinkel weiter, „um den wichtigsten und natürlich auch leistbaren Handlungsbedarf vor Ort, also in meiner Samtgemeinde, zu sehen und handeln zu können. Maßgeschneiderte Lösungen sozusagen.“
Jede GB hat ihre Steckenpferde, meint Glenewinkel, die sich in ihrer Anfangszeit intensiv um das Thema Vereinbarkeit Familie/Beruf gekümmert hat. Durch gezielte Projektarbeit wie Nachmittags- und Ferienbetreuung, hat sich dort in den letzten Jahren vieles zum Guten verändert und es erfordert heute weniger Kraft- und Zeitanstrengung, weil die Wichtigkeit dieses Themas in den Köpfen der politisch Verantwortlichen angekommen und es selbstverständlich geworden ist, z.B. eine Ferienbetreuung anzubieten und das Thema Familienfreundlichkeit zu einem Standortfaktor zu machen.
Schwerpunktthemen sind wichtig, damit Ziele auch erreicht werden. „Auch wir als GB brauchen immer wieder Motivation zum Durchstarten und Durchhalten. Mein Projekt Interkultureller Kontakttreff ist zum Beispiel ein Dauerthema, weil ich dort vielen gleichstellungsrelevanten Problemstellungen auf einmal begegnen kann, z.B. Integration, Chancen im Beruf, Alter, Familie, Rechte der Frauen und vieles mehr.“
Was für die Samtgemeinde Bodenwerder-Polle ein Problem darstellt, kann zum Beispiel in Bevern oder Boffzen ganz anders aussehen. Wichtig ist mit offenen Augen und Ohren für die Menschen da zu sein, dieses ist gerade in dieser Pandemiezeit nicht einfach, aber immens wichtig!
Das sieht auch Annette Allruth, Flecken Delligsen, so. „Die Situation von Frauen in der Corona-Krise hat uns vor Augen geführt, dass Homeoffice und Homeschooling und Kinderbetreuung nicht zeitgleich leistbar ist. Das gilt natürlich auch für Väter. Vorwiegend sind es aber wieder mal die Frauen, die zu Hause bleiben.“
Einig sind sich alle darin: Der Verfassungsauftrag Gleichstellung der Geschlechter kann nicht von einer Person allein umgesetzt werden. Dazu braucht es den gesamtgesellschaftlichen Willen zur Veränderung und zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit.
Sie wünschen sich mehr Unterstützung und vor allem angepasste Rahmenbedingungen für alle GBs im Landkreis, um wirkungsvoll arbeiten zu können. Wichtig ist allen auch die Netzwerkarbeit und die Zusammenarbeit als Arbeitsgemeinschaft. Ressourcen bündeln, Ideen gemeinsam entwickeln und dann auch gemeinschaftlich in die Tat umzusetzen, ist unverzichtbar um die Gleichberechtigung auch im Landkreis Holzminden ein Stück weit voranzubringen.

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