Buchtipp Januar 2015

(Stadtbücherei Suhl) - Die junge australische Autorin Anna Funder (geboren 1966) lernte in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Melbourne die sechzig Jahre ältere Deutsche Ruth Blatt (1906-2001) kennen. Die hoch betagte, schwerkranke Dame vertraut der Schriftstellerin in langen Gesprächen ihre höchstdramatische Lebensgeschichte an. Die wurde zur Grundlage für den Roman „Alles was ich bin“, Fischer & Fischer-Verlag 2014.

Die aus gutbürgerlichem Haus stammende Ruth gehörte in den wilden Zwanzigern und frühen dreißiger Jahren zu jenem Kreis Berliner Linksintellektueller um den jüdischen Schriftsteller und Revolutionär Ernst Toller und Dora Fabian, dessen Sekretärin und Geliebte. Die Widerstandskämpferin Dora war Ruths Cousine und gute Freundin. Nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 mussten die drei Freunde praktisch über Nacht Berlin verlassen. Sie waren zu politisch Verfolgten geworden. In London fanden sie Exil. Unter lebensgefährlichen Umständen organisierten sie von dort den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Dafür mussten sie sich immer wieder neue Verbündete und Helfer suchen. Trotzdem waren sie nie sicher. Auch in England war die Gefahr sehr groß, von vermeintlichen Freunden und Weggefährten verraten zu werden und aufzufliegen…

Dies geschieht dann auch. Im Jahr 1935 werden Dora Fabian und ihre Gefährtin Mathilde Wurm tot in einem Londoner Hotelzimmer aufgefunden. Die Gestapo spricht von Selbstmord, was allerdings sehr mysteriös erscheint… Hier versucht nun die Autorin Licht ins Dunkel zu bringen, was ihr mithilfe der Zeitzeugin Ruth, die ja die einzig Überlebende war, auch gelingt.

Funder erzählt ihre Romanbiographie aus zwei Perspektiven, einmal natürlich aus Sicht von Ruth und dann aus der Sicht von Ernst Toller, der kurz vor seinem Selbstmord 1939 in New York seine Erinnerungen dokumentiert, die dann unter dramatischen Umständen in die Hände von Ruth gelangt waren.

Packend und tief bewegend wird hier eine authentische Geschichte deutschen Exils erzählt. Die von Bedrohung und Angst aufgeladene Atmosphäre ist mit Händen greifbar. Anna Funder erzählt vom Schicksal längst in Vergessenheit geratener Menschen, die tapfer und leidenschaftlich in Zeiten größten Aufruhrs alles riskieren, für die Freiheit und die Liebe. Dass diesen Persönlichkeiten wieder Leben eingehaucht wird, ist das große Verdienst der Autorin.

Stadtbücherei Suhl - Bahnhofstraße 10, 98527 Suhl
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