Geschichte
Seit dem 23. September 1874 gibt es in Gera die Reichsstraße. Diese erinnert an die Einigung Deutschlands und die Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871. Zu dieser Zeit war die Reichsstraße 1,1 Kilometer lang und führte bis zum Gasthof "Lindenthal" (später „Wintergarten“) in Pforten. Bevor man in Gera von der Reichsstraße sprach, befand sich dort der Müllerweg. Dieser Weg endete 1885 zwischen der Reichsstraße und dem Bahngelände. Dieser Teil des Müllerweges verschwand in diesem Jahr, da dort ein Kohlebahnhof durch die sächsische Regierung angelegt wurde. An der Reichsstraße gab es zahlreiche Industriebetriebe, die mit Kohle versorgt und Dampfmaschinen betrieben wurden. Daher wurde es erforderlich, ein Depot für Kohle aufzubauen, um diese von dort auf die vielen Fabriken in Gera zu verteilen.
Die Textilfabrik und Färberei Hirsch in Gera, später bekannt als VEB Modedruck, gehörte zu den größten Unternehmen der Stadt. In den Jahren zuvor hatte Hirsch die Produktionsstätten erweitert, indem er seit 1860 an und in der Reichsstraße Grundstücke aufgekauft hatte. 1887 beschäftigte der Betrieb 1.030 Menschen.
Industrialisierung und Umweltverschmutzung
In der Bevölkerung regten sich langsam einige Stimmen, die die ersten Umweltverschmutzungen im Jahre 1889 anprangerten. Der Mühlgraben war als Seitenarm der Elster in die Geraer Textilproduktion eingebunden und war für die Betriebe eine wichtige Lebensader. Die Färber der Firma Louis Hirsch spülten ihre Stoffe im Mühlgraben und auch die Gerber nutzten das Wasser für sich. Daher blieb es nicht aus, dass der Mühlgraben zum einem durch die Industrieabwässer und zum anderen durch die ungeklärten Abwässer der Anwohner stark verunreinigt wurde.
Nach Beschwerden bei der "Geraer Zeitung" entwarf diese ein Zukunftsszenario für die folgenden 25 Jahre. Nach dieser Vision sollte der Mühlgraben bis zum Jahr 1914 im Bereich der Mühlengasse und der Färbergasse verrohrt werden, wodurch erreicht würde, dass die Reichsstraße beidseitig bebaut und bis zum Brühl (heute der Bereiche zwischen Stadtmuseum und Gera-Arcaden) fortgeführt werden könnte. Das Ganze geschah dann wirklich, nur eben ein halbes Jahrhundert später.
Im Jahre 1906 hatte die Firma Hirsch die Produktionsstätten soweit erweitert, dass mittlerweile 1.400 Menschen hier ihren Arbeitsplatz hatten. Die Firma war zu dieser Zeit die größte Stückgut-Färberei in Deutschland.
Im April und im Mai des Jahres 1908 wurde das Wagendepot mit der Werkstatt und den Stallungen der Speditionsabteilung der Geraer Straßenbahn in die neuen Gebäude auf dem unternehmenseigenen Grundstück, in die Neuen Straße, verlegt. Somit wurde das Straßenbahndepot gegenüber dem „Wintergarten“ in der Reichsstraße frei.
Die Firma "E.F. Weißflog Kammwollweberei" in der Reichsstraße betrieb bis in die 1920er Jahre, mit 1.000 Webstühlen den größten Shedhallen-Komplex in Gera. Nach Weißflogs Konkurs Ende der zwanziger Jahre, kaufte die Firma Heinrich Leo, welche Kompressoren und Automobilzubehör herstellte, das Objekt.
Nach dem Krieg
Am 1. Juli 1945 wurde die alte Reichsstraße, welche an die Einigung und die Gründung des Deutschen Reiches von 1871 erinnerte, in "Ernst-Thälmann-Straße" umbenannt. Ernst Thälmann (16.04.1886 - 18.08.1944) war ein Hamburger Transportarbeiter und ab 1925 Vorsitzender der KPD. Zwischen 1924 und 1933 saß er im Reichstag. Er war ein Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten und wurde am 03.03.1933 zu 11 Jahren Kerkerhaft verurteilt. 1944 wurde er im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Am 1. März 1991 bekam die Reichsstraße ihren ursprünglichen Namen zurück, als insgesamt 60 Straßennamen in Gera geändert wurden.
Die vergangenen 20 Jahre
Seit der Wende hat sich viel getan. Viele Fabriken und Betriebe wurden geschlossen und abgerissen. Pläne zur Wiederfreilegung des Mühlgrabens wurden zwar oft von vielen Seiten angeregt, aber leider nie vollständig umgesetzt. Die Reichsstraße beginnt heute an den Gera-Arcaden und führt am mittlerweile einzigen Kino (eröffnet 1997) der Stadt vorbei. Vormals stand an dieser Stelle Geras größte Kaufhalle, die „Centra“.
Am 14. November 1971 wurde der Straßenbahnbetrieb in der Reichsstraße eingestellt. Seit dem 4. November 2006 fährt sie wieder als Stadtbahnlinie 1 zweispurig in der Mitte der Straße, welche im Zuge der Buga saniert und mit einer Allee junger Bäume bepflanzt wurde.
Der Grundstein für das neue Verwaltungsgebäude der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) wurde hier am 16. August 1996 gelegt. Gäste waren unter anderem Bundesarbeitsminister Norbert Blüm und der Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel. Am 26. August 1998 übergab der Bundeskanzler Helmut Kohl das Gebäude offiziell.
Eine Querstraße weiter befindet sich jetzt das Gebäude der Agentur für Arbeit (eröffnet 2001). Auf der selben Seite und weiter stadtauswärts entstand durch den Abriss von Teilen des VEB Modedruck eine riesige Freifläche. (Anm. d. Red.: auf die eine neue Radrennbahn bestimmt toll hinpassen würde). Vorbei ein einem Supermarkt (Reichsstraße 24, ehemals Textilfabrik Lummer, Bach & Ramminger) und der ehemaligen Druckerei Ernst Günther, dessen Sohn Kurt mit Otto Dix befreundet war, sieht man einst bekannte Ausflugsziel in Gera-Pforten, das Gesellschaftshaus „Wintergarten“ erkennen. Dieses wurde kürzlich erst entkernt, nachdem es gut 20 Jahre nicht genutzt werden konnte und soll bald abgerissen werden.
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