Erfurt (dp) – Dieser 5. Juni 1952 war der schlimmste Tag für die Einwohner von Streufdorf in Südthüringen. An dem Tag begann die Operation „Ungeziefer“.
Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, und Martin Bauer in der Ausstellung.
© Foto: dpMorgens um 4.00 Uhr klingelten Polizisten an 300 Haustüren und verlangten bzw. erzwangen von den Menschen, dass sie binnen dreier Stunden Haus und Hof für immer verlassen müssen. Denn Streufdorf lag im Sperrgebiet. Den Vorkommnissen von damals ist jetzt eine Ausstellung im Thüringer Landtag gewidmet. Sie heißt „Sperrgebiet 1952 und die Barrikaden von Streufdorf“. Die ganze Dorfgemeinschaft widersetzte sich der Aussiedlungsaktion. Sie verbarrikadierten sich, eine Lehrerin läutete die Kirchenglocken. Es half nichts. Mit Schlagstöcken gingen die Polizisten auf die Leute los, setzten Wasserwerfer ein. Brutal wurden die Einwohner aus den Häusern getrieben, ihr Hab und Gut auf Lastwagen geladen. Viele wurden verhaftet, andere flohen ins Fränkische, in den Westen.
In den Funktionärs- und Polizeiberichten stand später, dass, wer unverschämt wurde in Handgemenge verwickelt wurde bzw. in Haft kam. „In Thüringen waren etwa 5.000 Menschen betroffen“, sagte Landtagspräsidentin Birgit Diezel zur Ausstellungseröffnung. „Sie wurden als feindliche, verdächtige und kriminelle Elemente bezeichnet, ihr tragisches Schicksal wurde verheimlicht.“ Einer von denen, die die Flucht in den Westen antraten, war Martin Bauer. Der heute 72-Jährige war extra nach Erfurt zur Ausstellungseröffnung gekommen. Ebenso wie der heutige Bürgermeister von Streufdorf, Johann Kaiser. Martin Bauer und seine Familie wurde damals nach Erfurt gebracht, sein Vater saß acht Jahre im Zuchthaus.
Als der 1956 freigelassen wurde, ging die Familie nach Fürth, baute sich wieder einen landwirtschaftlichen Betrieb auf. „Es war schlimm, ich mag gar nicht mehr daran denken“, sagt der alte Mann und schaut sich die Tafeln an, auf denen von der Vertreibung berichtet wird. „Was hier zu sehen ist, ist so wie es damals war.“ Die Ausstellung ist bis zum 4. Juni 2012 im Landtag und ab 5. Juni 2012 in Streufdorf zu sehen.
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