Heimat- und Geschichtsverein Lauenförde

Erinnerung an Opfer des NS-Regimes

Lauenförde (brv) - "Alles was wir hatten und liebten ist verloren", schrieb die Lauenförderin Hilde Kohlberg am 20. Oktober 1941 an ihren in die USA emigrierten Bruder. Wenige Wochen später, nachdem Deutschland den USA den Krieg erklärt hatte, brach die Postverbindung mit ihm ab.

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2010 wurden Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus verlegt.

© Foto: Heimat- und Geschichtsverein Lauenförde

Der Heimat- und Geschichtsverein Lauenförde möchte in diesen Tagen daran erinnern, dass Menschen aus dem Ort vor 80 Jahren zu den Opfern der vom NS-Regime verübten Verbrechen wurden. Die Familie Kohlberg war seit dem frühen 18. Jahrhundert in Lauenförde ansässig und betrieb dort zunächst einen Holz- und dann einen Landhandel. Die Familie engagierte sich in den örtlichen Vereinen sowie bei der Gründung der Spar- und Darlehenskasse. Walter Kohlberg war aktives Feuerwehrmitglied und musizierte in der Kapelle der Wehr.  Paul Kohlberg starb als Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg. Wenig Jahre der NS-Herrschaft genügten, um die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aller Rechte und ihres Eigentums zu berauben. In der sogenannten Reichpogromnacht am 9.November 1938 wurden ihre Wohnung demoliert, der Strom wurde ihnen abgestellt, die Familienmitglieder schikaniert und beschimpft.
Am 26. März 1942 wurden Hilde Kohlberg, ihr Ehemann Walter, ihr dreijähriger Sohn Joel und ihre Schwiegermutter Hedwig um 6 Uhr morgens vom Bodenfelder Polizeibeamten  zum Lauenförder Bahnhof gebracht und nach Northeim eskortiert. Möbel, Hausrat, Bekleidung und alles andere Inventar wurden versteigert. Das Wohnhaus nutzten nun die Gemeindeverwaltung und die NSDAP. In der zum Haus gehörenden Scheune waren ukrainische Zwangsarbeiterinnen untergebracht.

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Hilde Kohlberg mit ihrem Sohn Joel im Jahr 1941.

© Foto: Heimat- und Geschichtsverein Lauenförde


Von Northeim aus wurde die Familie über Hildesheim in das in der ehemaligen israelitischen Gartenbauschule Ahlem eingerichtete sogenannte Sammellager transportiert. Dort nahm ihnen die Gestapo die letzten Wertgegenstände und die Lebensmittelkarten ab.
Am 31. März 1942 wurden die Menschen aus dem Lager zum Bahnhof Hannover-Fischerhof in Linden gebracht. Dort  mußten sie vier Stunden bei strömendem Regen unter freiem Himmel auf das Eintreffen des aus Gelsenkirchen kommenden Zuges warten. 1.000 Menschen, unter ihnen viele ältere Menschen und Kinder, waren in den Viehwagen zusammengepfercht worden. Ziel des Transportes war das Warschauer Ghetto. Dort  kam er am 1. April 1942 an. Die Wagen mit dem Gepäck hatte das Begleitkommando bereits vorher abgehängt. Im Warschauer Ghetto bis zu 500.000 jüdische Menschen auf nur vier Quadratkilometern zusammengepfercht. 180 bis 300 Kalorien standen den Bewohnern täglich für ihre Ernährung zur Verfügung. Hunger, Infektionskrankheiten und willkürliche Morde forderten täglich unzählige Opfer.
Vier Monate nachdem Familie Kohlberg in Warschau eintraf, begann die SS mit der "Auflösung" des Ghettos. Täglich wurden Tausende mit der Bahn in die östlich von Warschau gelegenen Vernichtungslager gebracht und dort nach der Ankunft in Gaskammern ermordet.
Wie Walter, Hilde, Joel und Hedwig Kohlberg umkamen, ist nicht bekannt. 1951 wurden sie für tot erklärt. Seit Dezember 2010 erinnern vier Stolpersteine an die Menschen, die einst mit uns lebten. Sie wurden Opfer des Rassenwahns. Ihre einzige Schuld war ihre jüdische Herkunft.

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