Stolpersteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus

„Man muss auch vergeben können“

Meiningen (tk) - Es war eine würdevolle und andächtige Feier, mit der die Stadt Meiningen am 30. September 2011 den offiziellen Auftakt für das Kunstprojekt „Stolpersteine“ beging. Als besonderer Ehrengast wohnte Meiningens Ehrenbürger, Dr. Paul Oestreicher, der Gedenkstunde bei. Oestreichers jüdische Familie war zu Beginn des zweiten Weltkrieges aus Meiningen vertrieben worden und nach Neuseeland geflohen. Seiner geliebten Großmutter, Else Oestreicher, ist einer der Stolpersteine gewidmet, die von nun an in Meiningen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen.

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Als „Flucht in den Tod“, nicht als Selbstmord oder Freitod, bezeichnet Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig Schicksale wie das von Else Oestreicher und Käthe Thun.

© Foto: Tina Kwiatkowski

„Ein tapferer Kapitän versenkt sein Schiff lieber, als es in des Feindes Hände zu geben. Das, was mir bevorsteht, ist mehr als ich ertragen kann“. Mit diesen Worten beginnt der Brief, den Else Oestreicher im Februar 1942 zum Abschied an ihren Sohn Paul und ihr Enkelkind „Paulchen“ schrieb, nachdem sie von den Nationalsozialisten die Nachricht erhalten hatte, dass sie deportiert werden soll. Paul Oestreicher selbst bezeichnet diesen Brief als seinen wohl wertvollsten Besitz. Erst nach Kriegsende hatte er diesen von seinen Großeltern mütterlicherseits erhalten und vom „Freitod“ der Großmutter Else erfahren. Er liest ihn als einen hoffnungsvollen Brief in einer hoffnungslosen Zeit, denn die Großmutter glaubte fest daran, dass in der neuen Heimat Neuseeland eine bessere Zukunft auf die Familie warten würde.

Als offenes Bekenntnis zu seinen jüdischen Wurzeln trug Oestreicher bei der Gedenkstunde eine schwarze Kopfbedeckung. Gleichermaßen bekannte er sich jedoch auch zu seiner „deutschen“ Vergangenheit. Er habe gelernt, zu verzeihen. Schon sein Vater hatte ihm immer gesagt: „Wer nicht vergeben kann, der schadet nur sich selbst“. Bürgermeister Reinhard Kupietz bezeichnete es in seiner Ansprache als eine große Geste, dass Oestreicher nach Meiningen zurückgekehrt ist und sich bereit erklärt hat, über das Geschehene zu sprechen.

Fabian Giesder vom „Verein ehemaliger Meininger Schüler“, der das Projekt „Stolpersteine“ gemeinsam mit dem „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ nach Meiningen geholt hatte, eröffnete die Gedenkfeier, zu der viele ältere, aber auch einige jüngere Menschen gefunden hatten. In einer Zeit, in der die persönlichen Erfahrungen von Verfolgung, Vertreibung und Ermordung immer weniger werden, sei es wichtig, die Erinnerungen daran für die nachfolgenden Generationen aufrecht zu erhalten. Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine, sprach über die Anfänge und Entwicklung seines Projektes und die bewegenden Begegnungen, die sich in der Vergangenheit bereits daraus ergeben haben. Das Flötentrio der Max-Reger-Musikschule Meiningen verlieh der Feier einen würdigen Rahmen. Eine besondere Überraschung hatte Rita Fulsche aus Neubrunn parat: Sie überreichte einem sprachlosen Paul Oestreicher die auf das Jahr 1895 datierte Hochzeitszeitung seiner Großeltern, die sie im Nachlass ihres Vaters entdeckt hatte.

Der Stolperstein für Oestreichers Großmutter Else wurde bereits zum zweiten Mal verlegt. Der erste Stein war schon am 31. Mai 2010 verlegt worden, hatte aber ein falsches Sterbedatum getragen. Zu den ebenfalls 2010 verlegten Steinen für Käthe Thun und Paula Romberg gesellten sich jetzt auch Stolpersteine für Otto und Hedwig Mosbacher in der Leipziger Straße 8 sowie für Heinrich und Henny Ortweiler in der Feodorenstraße 14. Europaweit wurden bisher mehr als 31.000 Stolpersteine verlegt. In Deutschland liegen die Gedenksteine nun in 675 Kommunen.

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