Eine Zeitzeugin erinnert sich

60 Jahre Ansiedlung auf der Hümmer Dickte

Hümme (hai) - Flurbereinigungen, früher Verkoppelungen genannt, sind in vielen Orten bereits im 19. Jahrhundert durchgeführt worden. So auch in Hümme - und zwar im Jahre 1884. Ihr Hauptziel war in erster Linie der im Laufe der Jahre aufgetretenen Zersplitterung des bäuerlichen Besitzes entgegenzuwirken und durch Zusammenlegung von Grundstücken leistungsfähigere Bauernstellen zu schaffen.

Anders war es bei der Flurbereinigung, die man in den Jahren 1956 bis 1960 in Hümme durchführte. Sie wurde nicht als Flurbereinigung im herkömmlichen Sinne aufgefasst und bearbeitet, vielmehr wurden alle Möglichkeiten zur Verbesserung der Agrarstruktur, Aussiedlung, Aufstockung, Dorfauflockerung, Bauplanung, Wasserwirtschaft, Landesplanung in einer Gesamtplanung zusammengefasst und erarbeitet. Diese Flurbereinigung, auch Beispielmaßnahme genannt, weil sie beispielhaft für das Land Hessen sein sollte, wurde durch ein Gesetz des Landes Hessen vom 14. Juli 1953 angeordnet.
Durch den Zustrom der Heimatvertriebenen in den Jahren 1945 bis 1946 wurde die Enge des Dorfes Hümme immer spürbarer. Um dieser Zusammenballung des bäuerlichen Besitzes auf engem Raum zu begegnen und zu lockern, entstand der Gedanke einer großzügigen Flurbereinigung.
Sie begann zunächst ab 1952 in den Räumen Helmarshausen und Trendelburg. Durch Ankauf der Domäne Trendelburg und der Güter Wülmersen, Friedrichsfeld und Stammen durch die Siedlungsgesellschaft "Hessische Heimat" konnte ein beträchtlicher Landvorrat geschaffen werden. Zunächst bestand die Absicht, ihn im Wesentlichen zur Ansiedlung von heimatvertriebenen Landwirten, zu einem kleinen Teil auch zur Vergrößerung kleinerer bäuerlicher Betriebe zu verwenden. Bald kamen dann noch andere Gesichtspunkte hinzu. Hümme war zunächst nicht in die Flurbereinigung mit einbezogen, was sich dann jedoch änderte. Es bestand eine erhebliche Abneigung seitens der Besitzer von landwirtschaftlich genutzten Flächen gegenüber den geplanten Maßnahmen. Mehrere Versammlungen des Kulturamtes und weiterer Stellen waren nötig, um darzulegen, wie wichtig und notwendig dieses Vorgehen für die Weiterentwicklung der Landwirtschaft in Hümme war.
Die Zweifler konnten schließlich überzeugt werden und die Vorarbeiten starteten, die zunächst in der Anlegung von festen Wegen bestanden, d. h. die bisherigen Feldwege wurden mit einer festen Decke versehen, z. B. der Weg unter dem Schöneberg. Die heutigen Straßen zur Hümmer Dickte wurden in diesem Zuge neu angelegt. Drainagen wurden verlegt oder erweitert. Auf dem Reißbrett wurden dann die Standorte für die neu zu errichtenden Siedlerhöfe festgelegt. Der Umstand, dass auf der Dickte schon größere zusammenhängende Landflächen vorhanden waren, die sich im Eigentum der Gemeinde befanden, hat wohl dazu geführt, auf dieser Fläche die Mehrzahl der Siedlerhöfe zu erstellen. Hier sind dann in den Jahren 1959 bis 1962 insgesamt neun Höfe, davon fünf Aussiedler und vier Neusiedler, gebaut worden. Zwei weitere Aussiedlerhöfe entstanden in den Jahren 1959 bis 1960 im Schießbach.
Hinsichtlich der Bauweise der Gebäude kamen mehrere Bautypen zur Anwendung. Die Größe der Landflächen einschließlich Weideflächen für einen Siedlerhof ergab sich nach einem Richtsatz von etwa 15 Hektar, eine Größe, die nach dem damaligen landwirtschaftlichen Sektor noch als ausreichend anzusehen war. Sehr bald schon erwies sich jedoch diese Flächengröße als unzureichend. Zur Aufstockung der vorhandenen Ländereien war es dann gelungen, weitere Flächen durch Rodungen im nahegelegenen Reinhardswald zu gewinnen. Diese gingen in das Eigentum der Gemeinde über. Die gewonnenen Ländereien wurden an die Aussiedler verpachtet, die damit ihre Betriebsgrößen erweitern konnten. Für die Erschließung der gesamten Siedlerhöfe mit Strom und Wasser mussten umfangreiche und aufwendige Arbeiten vorgenommen werden und neue Anlagen geschaffen werden. Um die Höfe auf der Dickte an die Gemeindewasserleitung anschließen zu können, musste der Bau einer elektrisch betriebenen Pumpstation realisiert werden. Von einem Hochbehälter am Rande des Reinhardswaldes konnte das Wasser dann zu den einzelnen Höfen geleitet werden. Bei den Höfen im Schießbach war es einfacher, denn diese konnten an den Hochbehälter auf der Dingel angeschlossen werden. Durch die Erstellung der Siedlerhöfe, besonderes im Raum der Dickte, hat sich ein völlig neues Landschaftsbild entwickelt.
Der Geschichtskreis Hümme befragte kürzlich die Zeitzeugin Minna Piechotta nach ihren Erlebnissen auf der Dickte.
„Es gab neben dem bereits bestehenden Hof Hahn zu Beginn vier Aussiedlerhöfe auf der Dickte. Es handelte sich um die Familien Wiegand, Kuhlebert, Reitz und Piechotta, später kamen dann noch Uffelmanns hinzu. Wir waren Aussiedler, die anderen nannte man Neusiedler“, erzählte sie. Das Rodeland war in den 15 Hektar Fläche enthalten und musste von den Siedlern selbst hergerichtet, also urbar gemacht werden. Weihnachten 1959 zogen Piechottas als erste Familie in ihren Aussiedlerhof auf der Dickte ein. Bereits zu Silvester des gleichen Jahres wurde hier ihre zweite Tochter geboren. „An die Schwierigkeiten bezüglich der Wasserversorgung kann ich mich noch gut erinnern. Zu Beginn haben wir uns das Wasser noch in Milchkannen auf die Dickte geholt“, erinnert sie sich. Die „Hessische Heimat“ errichtete die Wohn- und Wirtschaftsgebäude für die Siedler. Dafür hatten diese keinerlei Mitspracherecht. „Wir selbst hätten das Wohnhaus ganz anders gebaut und mein verstorbener Mann fand die Stallungen von Anfang an zu klein“, sagte sie.

Die erste Zeit wurde noch mit Ochsen und Kühen gearbeitet. Nach etwa zwei Jahren schaffte die Familie einen Schlepper an. Vorher transportierte man das Heu noch mit dem Leiterwagen von der Breiten Wiese bis hinauf zur Dickte, was schon eine ziemliche Anstrengung bedeutete. Der Schlepper diente dann zunächst als Fahrzeug für alle Belange. So wurde Tochter Ingrid damit oft zur Schule im Dorf gebracht, bevor sich Piechottas ein Auto leisteten.
Als Selbstversorger, damals ohne Telefon und Fernseher, wurde da schon mal der Nachbar um Hilfe gebeten. „Samstags trafen wir uns oft bei Wiegands, die einen Fernseher hatten und schauten gemeinsam fern“, schilderte Piechotta.
Durch die Flurbereinigung wurden die Flächen zusammengelegt und damit größer. Dafür mussten die Wege auf der Dickte erst mal hergerichtet werden. „Wir hatten eine Milchbank direkt vorm Haus. Unser Nachbar, Herr Wiegand war Molkereifahrer und nahm unsere Milch mit.“ Mit den leeren Kannen, die zurückkamen, kamen auch die Neuigkeiten aus dem Dorf und natürlich die Zeitung.
Was man selbst nicht hatte, wurde selbstverständlich im Dorf eingekauft.
Die Familien unterstützten sich damals sehr viel gegenseitig, vor allem in der Erntezeit.
Mittlerweile leben in dem Aussiedlerhof Dickte 2 heute vier Generationen und der ehemalige Schweinestall wurde inzwischen zum Wohnraum ausgebaut.

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