Psychische Belastungen durch die Corona-Pandemie

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Dr. Dirk Dammann.

© Foto: privat

Holzminden (ozm) - Nur selten betreffen Ereignisse eine Gesellschaft in so vielerlei Hinsicht wie die aktuelle Corona-Pandemie. Wenngleich die Auswirkungen jeden individuell treffen, so sind die Maßnahmen zur Eindämmung doch gravierend für den überwiegenden Teil der Bevölkerung. Kontaktbeschränkungen, fehlende Freizeitmöglichkeiten und das Problem, auf engem Raum viel Zeit verbringen zu müssen, treiben besonders Familien in soziale Spannungen. Eine Entwicklung, die Dr. Dirk Dammann sorgen bereitet. Er ist Leiter des Albert-Schweitzer Therapeutikums einer Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Holzminden, und bekommt die Auswirkungen der Pandemie in Form von belasteten Kinder z.T. auch Zunahme häuslicher Gewalt mit. Im Interview schilderte er die Beobachtungen, die er jeden Tag macht, und die Erkenntnisse, die er aus der Verknüpfung mit aktuellen Studien zieht.
„Wir sehen, dass das Verhältnis der Resilienzen gegenüber den Belastungen einen Schwellenwert besitzt. Untersuchungen zeigen gleichermaßen, dass nicht die Einzelfaktoren alleine, sondern die Kombination der Belastungen am Ende den Verlauf bestimmt.“ Diese Beobachtungen würden Modelle wie z.B. die ACE-Pyramide nach Centers for Disease Control and Prevention, die sich mit der Auswirkungen traumatischer Erfahrungen im Kindheitsstadium auseinandersetzt, bestätigen. Das Modell zeigt, dass frühe, negative Erfahrungen im Kindesalter, im gesamten weiteren Lebenslauf soziale, emotionale, aber auch kognitive Einschränkungen durch die erfahrenen Traumata mit sich bringen können. Konkret würde das bedeuten, dass in einigen Jahren ein im Verhältnis deutlich größerer Anteil der erwachsenen Bevölkerung als Nachwirkung der Pandemie mit psychischen Problemen zu kämpfen hätte als es heute der Fall ist. Eine „belastetere Gesellschaft“ wäre die Folge. Denn nicht nur die Entstehung von Krankheiten würden durch psychische Belastungen im Kindheitsalter begünstigt: „Die Lebensverläufe der Menschen basieren zu nicht unerheblichen Teilen auf der Kindheit. Das zeigen im Vergleich von Lebensentwicklungen sowohl die Einkommenssituationen als auch das Maß an Gesundheit von Erwachsenen, die im Kindesalter psychischen Belastungen ausgesetzt waren.“
Die Gefahr dieser Entwicklung sieht Dammann im Kontext der aktuellen Situation vor allem in der fehlenden Inanspruchnahme von Hilfen, um negativen Erfahrungen bei Kindern entgegenzuwirken. „Wenn wir uns das Thema häusliche Gewalt ansehen, fällt auf, dass wichtige Schutzfaktoren, die wir vor der Pandemie hatten, teilweise wegfallen.“ So seien etwa Lehrer, die vor der Pandemie engeren Kontakt zu ihren Schülern pflegten, plötzlich nicht mehr präsent. Nahezu alle öffentlichen Kontakt- und Vertrauenspersonen wie Ärzte, Sozialbetreuer oder Pädagogen, die früher für einen entlastenden Ausgleich der Betroffenen gesorgt hatten, fielen z.T. ebenfalls weg. Dabei liege es nicht am fehlenden Willen der Beteiligten, Probleme aufzuarbeiten. Häufig ist es für Betroffene schlichtweg unmöglich, mit Personen zu sprechen, an die man sich früher gewandt hat. „Dadurch bleiben entsprechend auch die Meldungen über solche Fälle aus“. Die Fachklinik habe sehr schnell und niederschwellig videogestützte Angebote geschaffen, die bis heute einen Einbruch an Betreuungs- und Behandlungsangeboten abgefangen.
Dr. Dammann zeichnet ein Bild, dass sich mit dem anderer führender Pädagogen und Therapeuten, aber auch aktuellen Studien zu dem Thema deckt. Erst vor Kurzem warnten 150 Mediziner vor den Folgen der Isolation. Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren. Verhaltensänderungen wie „Rückzug“ und „Angststörungen“ wurden dabei ebenso an den Tag gelegt wie „aggressives Verhalten“. 54 Prozent der Kinderärzte rechnen damit, dass mehr Kinder Hilfe von Ergo- und Physiotherapeuten benötigen.
„Es ist daher unbedingt notwendig, gefährdete Gruppen nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir sind gut beraten, auch und gerade in Pandemiezeiten aufzupassen, damit wir nicht ganze Bevölkerungsgruppen verlieren, die in Zeiten wie diesen gefährdet sind und die Folgen mitunter erst in Jahrzehnten spüren.
Im Ergebnis der Studie kam die Hälfte der befragten Kinderärzte zu dem Schluss, dass die Enge zu Hause, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und die Übertragung von Corona- Ängsten der Eltern auf das Kind ausschlaggebend für die Übertragung von Ängsten waren.
Auch Dammann appelliert an die Eltern: „Wir sollten uns, was die Bindungsfragen angeht, bewusst sein, dass unsere Haltung und Einstellung sehr großen Einfluss auf das Empfinden der Kinder hat. Wir Erwachsenen dienten als Vorbild und seien durch ihre Einstellung und ihr Verhalten maßgeblich am Wohlbefinden der Kinder beteiligt.

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