Liebe, Macht und wilde Kräuter

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Kräutergarten des Apothekenmuseums Hofgeismar. © Aderholz

Kräuter sind die Brücke in die Wildnis – und ein Stück vom Himmel. Sie sind einfach da, in Hülle und Fülle, mit all ihren guten Geistern. Sie sind ein grüner Zipfel vom Paradies. Im Garten werden die Wildkräuter oft verkannt und als verhasstes Unkraut bekämpft. Die Verlierer bei diesem Kampf sind immer wir. Weil wir uns um eine direkte und wirksame Naturmedizin bringen und weil Natur stärker ist. Sie hat das Bestreben, die Erdoberfläche mit einer Pflanzendecke zu überziehen – damit nichts umkommt, wegweht, wegfließt, vertrocknet. Das ist ein Selbstheilungsprozess auf Makro-Ebene. Jeder Giersch-Teppich, im Wald oder im Garten unter großen Sträuchern, ist ein Stück gesunde „Haut" von Mutter Erde. Giersch im Staudenbeet ist eher ein Ekzem – aber essbar (und sehr lecker). Jedes Klümpchen Erde ist Wurzelraum für Pflanzen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Talenten – sei es angeschwemmt am Ufer der Diemel, angeweht in eine Ritze auf den Eberschützer Klippen oder als Humus am schattigen Osthang des Reinhardswaldes.
Dem Wanderer fallen hier bald die extrem verschiedenen Lichtverhältnisse und Perspektiven auf, innerhalb weniger Kilometer Fußweg. Eben wandelte er noch durch Buchenwald, umweht von Bärlauchduft und durch Teppiche von Waldmeister, gesäumt von straff aufrechten Stängeln der Lauchrauke. Sie sieht so gar nicht nach Alium-Gewächs aus, doch für Liebhaber von zwiebelartigen Aromen ist sie eine Offenbarung. Je näher sie ihrer weißen Blüte entgegenreift, desto besser schmecken ihre Blätter in Salaten oder frisch in die dampfenden Stampfkartoffeln gemengt. Im Diemeltal tritt man nicht selten aus dem Wald auf weite Wiesenflächen, in die freie Landschaft der Magerrasen der Wacholder-Völker. Von hier kann man den Wolkenflug und die Windtiere auf den tiefer liegenden Getreidefeldern beobachten. Diese weiten Flächen senken sich in tiefe Geländerillen, Schluchten. Das haben die sieben Eiszeiten gemacht, mit ihren sieben Tauzeiten. Sie ließen Hänge rutschen und schliffen die dünne Humusschicht auf dem Kalkgestein ab. In den Ebenen sammelte sich fruchtbarer Boden, auf der Kuppe blieb das Land roh. Jetzt stehen dort auch Orchideen und die würzigen Sonnenkräuter, wie Schafgarbe, Johanniskraut, Tausendgülden-Kraut, Thymian und Dost. Der Fuß der Hänge steckt, z.B. bei Hofgeismar an den „Heißen Höhlen" in wilden Hecken, von denen kein Mensch mehr weiß, wann die angelegt wurden. Schlehen, Hundsrosen, Holunder und Weißdorne verweben sich, bergen Geheimnisse und seien es Vogelnester oder die Eingänge der Dachsbauten. Im Herbst ernten Kräuterkundige hier Wildfrüchte mit viel Heilkraft und Vitaminen. Oder, wie die Kräuterfrau vom Landgasthaus Zum Jean Bonnet in Kelze – Grundstoffe für köstliche Sorbets, Desserts und Tees.
Nicht zu vergessen die Uferwege entlang der Diemel: nördlich aufsteigende Klippen, auf dessen Vorsprüngen sich die Blindschleiche sonnt und die Pimpernelle wuchert, sie liebt nährstoffarme Standorte. Am Südufer der Diemel finden wir das Gegenteil: fette Wiesen, auch feuchte Wiesen mit märchenhaften Pflanzen-Erscheinungen, z.B. den Kolonien der Pestwurze. Sie blühen imposant mit rosabraunen, walzenförmigen Blüten, später fallen ihre nebelfarbenen Samenstände auf, die viel höher stehen als die Blüten. Erst im Juni treten die Blätter in Erscheinung. Sie wachsen langsam und stetig bis in den Spätsommer hinein, bilden rhababarähnliche Schirme und halten mit ihren Wurzeln das Ufer fest. In den Uferzonen wachsen vitaminreiche Salatkräuter: Bachbunge, Bitteres Schaumkraut, Wasserminze und mit Glück findet man an einem sauberen Seitenarm die Echte Brunnenkresse.
Irgendwann kriegen Sie einen doch, die wilden Kräuter. Meistens schleichen sie sich durch die Salatschüssel oder den Suppentopf in unsere Küche, auf den Teller und in den Magen. Auch mal pflücken gehen, „Oma hat doch immer so ein köstliches Sauerampfer-Süppchen gekocht". Oder weil eine Nachbarin neulich wieder so ein raffiniertes Dessert mit Mädesüß servierte. Liebe geht durch den Magen, Macht auch. Wilde Kräuter sind mächtig. Sie heilen, sie nähren, sie lehren; ja, sie verleihen Flügel oder halten uns „auf dem Teppich", wenn wir in die Luft gehen könnten. Wer sich auskennt mit Wildkräutern, der lebt nicht nur gesund und bleibt fit, sondern hat Helfer für alle Lebenslagen an seiner Seite.
Kräuterfrauen berichten, dass sich bestimmte Wildkräuter im Garten oder im nähren Umfeld einstellen, pünktlich zum Heilauftrag. Nachgefragt: Wächst bei Ihnen vielleicht Schöllkraut? Gelbe Blüten und gelber Milchsaft? Dann hat sicher jemand Verwendung für ein Warzenmittel in Ihrem Haushalt. Oder gibt es auffallend viel Gundermann? Blaue Blüten an langen Ranken, immer bodennah und gerne im Schatten? Kann sein, jemand braucht etwas, dass sie Augen klärt, Eiterherde heilt und den Harn treibt – etwas zu Ausleiten und Entgiften. Gibt es bei Ihnen Spitzwegerich und Gänseblümchen in Massen? Die Schleimlöser stehen bereit für Bronchitis und Reizhusten. Es sind die selben Arten, die im Supermarkt bei den „frei verkäuflichen Heilmitteln" erhältlich sind. Doch die Pflanze aus ihrem Garten – mit Blatt und Blüte als Tee oder im Kräuterquark verwendet - ist wesentlich wirksamer, als die gleiche Art aus den Bergen oder von der Küste geerntet und extrahiert.
Die Lehrbuchmeinung ist ein guter Anhaltspunkt für Menschen, die Anschluss suchen. Unterschätzt wird oft die Wirkung der „eigenen" Pflanze. Ja, es gibt sie, die „einzig Richtige", die Zauberblume, den grünen Schutzengel für jeden Menschen. Wie in der Homöopathie, wo ein Konstitutionsmittel den Typ stärkt und schützt, können auch wilde Kräuter oder Gehölze zur Schutzpflanze werden – völlig unabhängig davon, welche Inhaltsstoffe der Pflanze wissenschaftlich nachgewiesen wurden. Träumen Sie von einer bestimmten Pflanze oder kommt Ihnen ein Art auffallend oft „zwischen die Füße"? Gehen Sie in Zwiesprache mit ihr. Sie weiß Bescheid.
Also: Raus gehen und selber kennen lernen macht Sinn. Manchmal reicht es schon, den eigenen Garten mit neuen Augen anzuschauen. Dort dürfen Sie die Schlüsselblumen pflücken – in der Landschaft sind sie geschützt. Schließen Sie sich doch einmal einer Kräuterwanderung an. Der Naturschutz Bund Hofgeismar bietet eine Wanderung zur Bärlauch-Zeit an und eine zur Sommersonnenwende. Das Ecomuseum Reinhardswald bietet ebenfalls Wanderungen ins Reich der wilden Kräuter an. Eine Kombination aus Wanderung und kulinarischem Genuss serviert das Landgasthaus Zum Jean Bonnet in Kelze. Hier gibt es vor dem Spaziergang ein Kräuterfrühstück und danach ein fünfgängiges Wildkräuter-Menü. Da können Sie – wie nirgends sonst - die Landschaft schmecken. Die Menüs sind so flüchtig wie die Monate. Vorsicht: Es könnte sich „was Festes" entwickeln – zwischen Ihnen und der Natur. Denn „Liebe geht durch den Magen".

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