Steinmeier: Das "Böse" ist weiterhin vorhanden

Auschwitz-Überlebende warnen vor Wiederkehr von Nationalismus und Antisemitismus

Auschwitz (AFP) - 75 Jahre nach der Befreiung des NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz haben Überlebende und Politiker eindringlich vor einer Wiederkehr von Nationalismus und Antisemitismus gewarnt. "Auschwitz ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen", sagte der 93-jährige Marian Turski bei einer Gedenkzeremonie. Die Rechte von Minderheiten müssten immer und von Anfang an verteidigt werden. "Seien Sie nicht gleichgültig", appellierte der Auschwitz-Überlebende an die versammelten Staats- und Regierungschefs aus rund 60 Ländern und die ganze Welt.
Auschwitz-Überlebende bei der Gedenkfeier Bild anzeigen
Auschwitz-Überlebende bei der Gedenkfeier © AFP

Die Gedenkveranstaltung fand vor den Eingangstoren des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers in Auschwitz statt. "Es ist eine Schande, dass sie (die Überlebenden von Auschwitz) 75 Jahre später mit ansehen müssen, dass ihre Enkel mit dem gleichen Hass konfrontiert sind", sagte dabei der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder. "Dies darf niemals toleriert werden", fügte er mit Verweis auf zunehmende judenfeindliche Rhetorik und Gewalt in den USA und Europa hinzu.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte vor einer Wiederkehr des "Bösen". Er habe beim Blick auf die heutige Zeit manchmal den Eindruck, "dass das Böse noch vorhanden ist". Steinmeier war in Begleitung von drei Auschwitz-Überlebenden in die KZ-Gedenkstätte gereist, wo er sich vor der großen Erinnerungszeremonie äußerte.

"Auschwitz, das ist die Summe von völkischem Denken, Rassenhass und nationaler Raserei", sagte der Bundespräsident. Dieses "Böse" sei weiterhin vorhanden. "Und deshalb reden wir hier in Auschwitz - und das ist auch der Wunsch der Überlebenden - nicht nur über die Vergangenheit, sondern begreifen es als leitende Verantwortung, den Anfängen zu wehren, auch in unserem Land."

Zu der Gedenkfeier in Auschwitz kamen mehr als hundert meist hochbetagte Überlebende des NS-Vernichtungslagers mit Vertretern aus mehr als 60 Staaten zusammen. Das Hauptaugenmerk wurde bewusst auf die Schilderungen der Überlebenden gelegt. Viele von ihnen trugen blau-weiß-gestreifte Schals - in Erinnerung an ihre damalige Lagerkleidung. Mit Einbruch der Dunkelheit gingen alle Teilnehmer mit Kerzen in der Hand das Bahngleis entlang, auf denen Juden aus ganz Europa nach Auschwitz und in dessen Gaskammern gebracht wurden.

In Auschwitz wurden mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder, die meisten von ihnen Juden, in Gaskammern getötet, erschossen oder durch Zwangsarbeit und Hunger in den Tod getrieben. Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, hatten sowjetische Truppen das NS-Vernichtungslager erreicht, die letzten Gefangenen befreit.

Polens Präsident Andrzej Duda warnte bei der Gedenkveranstaltung vor dem Hintergrund von Spannungen mit Russland vor einer Fälschung der Geschichte. "Die Verfälschung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, das Bestreiten des Völkermords, das Leugnen des Holocaust, die Instrumentalisierung von Auschwitz für welchen Zweck auch immer - dies alles bedeutet eine Schändung des Gedenkens an die Opfer, deren Asche hier verstreut liegt", sagte Duda. "Wir müssen uns weiter an Auschwitz erinnern, so dass sich der Holocaust nie wieder in der Geschichte der Welt wiederholen kann."

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor behauptet, Polen trage eine Mitschuld am Beginn des Zweiten Weltkriegs. Polen wirft dem russischen Präsidenten vor, die Geschichte im Widerspruch zu historischen Fakten umzudeuten.

Die Veranstaltung in Auschwitz war Teil einer ganzen Serie von Gedenkzeremonien: Am Donnerstag fand in Israels Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem das Welt-Holocaust-Forum statt, an dem neben Steinmeier mehr als 40 Staats- und Regierungschefs teilnahmen. Steinmeier hatte dort in einer viel beachteten Rede ein umfassendes Bekenntnis zur deutschen Schuld abgelegt.

Für Mittwoch ist eine Gedenkstunde im Bundestag in Berlin geplant. Dort werden Steinmeier und Israels Präsident Reuven Rivlin Reden halten.

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