Sorge über britische Mutation und Impfrückstand

Frankreich vor erneuter Verschärfung der Corona-Maßnahmen

Paris (AFP) - In Frankreich zeichnet sich eine erneute Verschärfung der Corona-Maßnahmen ab: Bei Beratungen der Regierung unter Leitung von Präsident Emmanuel Macron war am Mittwoch unter anderem eine landesweite Sperrstunde ab 18 Uhr im Gespräch. Sorgen bereitet den Behörden neben der gefährlichen britischen Coronavirus-Mutation auch der Rückstand bei den Impfungen.
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Präsident Emmanuel Macron bei der Kabinettssitzung © AFP

Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Corona-Beirats der Regierung, Jean-François Delfraissy, sprach von einer "paradoxen" Situation: Einerseits stehe Frankreich im Vergleich zu einigen Nachbarländern nicht schlecht da - andererseits nähmen die Infektionszahlen seit Dezember wieder zu. Zudem sei mehr als jedes zweite Bett auf den Intensivstationen mit Corona-Patienten belegt.

Durch den harten Lockdown im November war es nicht gelungen, die Zahl der Neuinfektionen wie geplant auf unter 5000 täglich zu senken. Derzeit werden täglich rund vier Mal so viele Neuansteckungen registriert.

Die gefährliche britische Coronavirus-Mutation macht dabei laut einer Studie etwa ein Prozent der positiven Corona-Tests in Frankreich aus. Die Variante sei nicht konzentriert aufgetreten, sondern überall im Land zu finden, sagte Gesundheitsminister Olivier Véran. Die vorläufige Studie umfasst alle positiven PCR-Tests vom vergangenen Donnerstag und Freitag.

"Was in England passiert, wird wahrscheinlich auch mit uns passieren", sagte Anne-Claude Crémieux, Professorin für Infektionskrankheiten am Saint-Louis-Krankenhaus in Paris. Die britische Virus-Variante gilt als bis zu 70 Prozent ansteckender als das Ursprungsvirus.

Einen erneuten Lockdown soll es in Frankreich dennoch vorerst nicht geben, wie mehrere Regierungsmitarbeiter am Rande der Kabinettssitzung bestätigten. Stattdessen gilt eine landesweite Sperrstunde ab 18 Uhr als die wahrscheinlichste Möglichkeit. In Paris gilt wie in den meisten Landesteilen bisher eine nächtliche Ausgangssperre ab 20 Uhr, in 25 der rund 100 Verwaltungsbezirke wurde sie wegen der hohen Infektionszahlen aber bereits Anfang Januar auf 18 Uhr vorgezogen. Zu diesen besonders betroffenen Gebieten gehört auch das Grenzgebiet zu Deutschland.

Die ursprünglich für Januar geplante Öffnung von Restaurants, Kinos oder Konzertsälen in Frankreich ist wegen der Entwicklung in weite Ferne gerückt. Die Schulen sollen auf Empfehlung des wissenschaftlichen Beirats vorerst offen bleiben, auch Geschäfte sind derzeit geöffnet.

Für innenpolitischen Streit sorgte zuletzt der Rückstand Frankreichs auf Deutschland und andere Länder bei den Impfungen. Nach Regierungsangaben hatten zuletzt rund 190.000 Menschen eine erste Impfdosis empfangen, darunter überwiegend Gesundheitskräfte und nur rund 30.000 ältere Menschen in Pflegeheimen.

In Deutschland wurden nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bisher mehr als 750.000 Menschen geimpft, also mehr als drei Mal so viele wie in Frankreich. Die französische Regierung will den Rückstand nach Möglichkeit aufholen: Sie hofft, bis Ende der Woche 400.000 Menschen impfen zu können und bis Ende des Monats rund eine Million. Der Beirats-Vorsitzende Delfraissy sprach von einem "Wettlauf gegen die Zeit". In Frankreich wurden bisher fast 69.000 Corona-Todesfälle gezählt.

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