USA und China beraten über Fall des blinden Anwalts

Geflohener Menschenrechtler in Pekinger US-Botschaft

Peking (AFP) - Der blinde chinesische Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng hält sich nach seiner Flucht aus dem Hausarrest nach Angaben der Nichtregierungsorganisation China Aid in der US-Botschaft in Peking auf. Die in den USA ansässige NGO teilte mit, zwischen den USA und China gebe es Gespräche über den Fall. Dieser belastet die beiderseitigen Beziehungen vor einem geplanten China-Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton.
Chen stand bislang unter Hausarrest Bild anzeigen
Chen stand bislang unter Hausarrest © AFP

China Aid erklärte, sie habe aus einer mit dem Fall vertrauten Quelle erfahren, dass sich Chen "unter US-Schutz" befinde und dass Vertreter der USA und Chinas auf ranghoher Ebene über seinen Status berieten. Die Organisation rief Washington dazu auf, Chens Sicherheit zu gewährleisten und sicherzustellen, dass es "keine Repressalien" gegen seine Familie gebe.

Die US-Regierung nahm zunächst nicht offiziell Stellung zu den jüngsten Entwicklungen in dem Fall. Außenamtssprecherin Victoria Nuland wiederholte am späten Freitag mehrfach, sie gebe keinen Kommentar ab. Washington habe in der Angelegenheit schon immer seine "Sorge" zum Ausdruck gebracht. Clinton, die den Fall Chen in der Vergangenheit wiederholt erwähnte, wird kommende Woche zusammen mit Finanzminister Timothy Geithner in Peking erwartet.

Der Leiter von China Aid, Bob Fu, hatte am Freitag gesagt, Chen befinde sich an einem "zu 100 Prozent sicheren Ort", ohne weitere Einzelheiten zu nennen. China Aid ist eine christliche Menschenrechtsorganisation, die für Religionsfreiheit und rechtsstaatliche Verhältnisse in China eintritt. Chens Vertrauter Hu Jia sagte der Nachrichtenagentur AFP, seiner Meinung nach sei Chen in der US-Botschaft in Sicherheit: "Welcher Ort könnte sicherer sein?". Weitere Angaben wollte Hu zum Schutz derjenigen, die Chen bei seiner Flucht unterstützten, nicht machen.

Chens Flucht war am Freitag bekannt geworden. Der 40-Jährige meldete sich in einem an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao gerichteten Video zu Wort und bat um Sicherheit für seine Familie. Chinesischen Sicherheitskräften warf er darin vor, ihn und seine Angehörigen misshandelt zu haben.

Chen war nach vier Jahren Haft im September 2010 aus dem Gefängnis entlassen worden und stand seither unter Hausarrest. Er ist einer von zahlreichen autodidaktischen "Rechtsanwälten", die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten.

Chen zog vor allem mit Kritik an der rigiden Ein-Kind-Politik den Zorn Pekings auf sich, nachdem er zahlreiche erzwungene Spätabtreibungen und Zwangssterilisierungen von Frauen aufgedeckt hatte. Wegen entsprechender Vorwürfe gegen Beamte wurde er im Jahr 2006 inhaftiert.

Die chinesischen Staatsmedien berichteten am Samstag nicht über den Fall. Zhu Feng, Experte für internationale Beziehungen an der Universität von Peking, nannte es "sehr interessant", dass die USA die Berichte über einen Aufenthalt Chens in ihrer Botschaft weder bestätigten noch dementierten. Die Angelegenheit sei "politisch sehr, sehr sensibel" - eine "heiße Kartoffel" zwischen beiden Seiten.

Zuletzt hatte ein bekannter chinesischer Menschenrechtsaktivist nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Juni 1989 Zuflucht in der US-Botschaft in Peking gefunden. Nach einem Jahr war der Astrophysiker Fang Lizhi, der in Anlehnung an den russischen Dissidenten auch "Chinas Sacharow" genannt wurde, 1990 ins Exil in die USA gegangen. Dort starb er vor drei Wochen.

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