Handwerker-Walz im Stadtmuseum

Keine Angst vorm schwarzen Mann

Von Inge Seidenstücker


Hofgeismar – „Nehmen Sie ruhig einen in Handwerker-Kluft gekleideten Mann mit, der vielleicht auf einer Raststätte steht“, sagte Museumsleiter Helmut Burmeister bei der Eröffnung der neusten Ausstellung in Haus II des Hofgeismarer Stadtmuseums.

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Die Zimmermänner Ansgar Wenning (li.) und Bernd Bohr (re.) in ihrer typischen Kluft, mit Karin Augart-Bohr, die die Ausstellung organisiert und gestaltet hat, vor den „Charlottenburgern“. Das sind die bedruckten Tücher, in denen die Gesellen ihr Hab und Gut auf Wanderschaft einpacken.

 

© Foto: Seidenstücker

Die Ausstellung „Traditionelle Wanderschaft heutzutage“ befasst sich mit der Walz von Handwerkergesellen. Was im Mittelalter Pflicht war, ist heute freiwillig und schon eher außergewöhnlich. Und doch gewinnt das Abenteuer der Wanderschaft/Walz auch in unserer schnelllebigen Zeit bei den jungen Leuten wieder an Gefallen.
Junge Gesellen, vorwiegend aus dem Bauhandwerk machen sich dabei auf Wanderschaft, um ihren Erfahrungsschatz zu erweitern. Dabei hatten und haben sie noch heute bestimmte Regeln zu beachten. Wie etwa die Entfernung zum Heimatort, die mindestens 50 Kilometer betragen muss, die Dauer der Wanderschaft von drei Jahren und einem Tag und einiges mehr.
Darüber informiert der reichhaltige Fundus der Ausstellung an Ausstattung, Dokumenten und interessanten Erklärungen über das Leben auf Wanderschaft. Die Handwerkszünfte oder Schächte (Gesellenvereinigungen), wie sie heute bezeichnet werden, besaßen im Mittelalter einen großen Einfluss. Mindestens sieben Meister waren Mitglied in einer Stadt, damit ein gutes Auskommen der Handwerksleute gewährleistet war. Die Gesellen gingen auf Wanderschaft um Neues dazuzulernen und andere Arbeitsweisen kennenzulernen. Da war reine Selbsterfahrung gefragt. So ist es auch heute noch. Dies bestätigten die beiden Zimmermänner Ansgar Wenning der zur Rolandschacht und Bernd Bohr, der zur Vogtländerschacht gehört, bei der Ausstellungseröffnung. Sie gaben Auskunft über das Wandern auf der Walz aus erster Hand und erzählten eindrucksvoll von ihren Erfahrungen, die sie auch im Ausland machen konnten. Denn man kann bei seiner Wanderung die ganze Welt bereisen und sein Handwerk in fremden Ländern ausüben. Sofern man die strengen Regeln der Schächte beachtet. Diese bezieht sich neben der Pflicht seinen Gesellenbrief dabei zu haben, dem Bannkreis von mindestens 50 Kilometern um den Heimatort einzuhalten, schuldenfrei und ledig zu sein sowie auf Auto, Handy und Internet zu verzichten, auch im Tragen eines Ohrrings und einer gesonderten Handwerkskluft.
Zustande kam diese interessante Ausstellung durch die Museumsmitarbeiterin Karin Augart-Bohr, deren Mann und andere Familienmitglieder ebenfalls auf die Walz gegangen waren. Sie hatte bei der Gestaltung der Ausstellung freie Hand.
Zu sehen ist die Ausstellung in den kommenden neun Monaten zu den üblichen Öffnungszeiten des Stadtmuseums. Sie vermittelt dem Besucher eine ganz neue Sichtweise auf die wandernden Gesellen und vielleicht gewährt der ein oder andere einem der „schwarzen Männer oder Frauen“ künftig mal eine Mahlzeit oder Mitfahrgelegenheit.

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