Der Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den radikalislamischen Taliban habe zwar Fortschritte gemacht, doch erlaube dies derzeit noch keinen Abzug, sagte Merkel in dem deutschen Feldlager im Norden Afghanistans. Mit Blick auf das Jahr 2014 fügte sie hinzu: "Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet."
Die Kanzlerin hielt sich zu einem unangekündigten Kurzbesuch am Hindukusch auf. In Masar-i-Scharif gedachte sie der 52 bisher in Afghanistan getöteten deutschen Soldaten. Der Einsatz soll eigentlich bis Ende 2014 abgeschlossen sein. "Wir sind jetzt schon in der Phase der Übergabe der Verantwortung", sagte Merkel. "Wir sind uns einig, dass bis dahin einiges zu tun ist", fügte sie jedoch hinzu.
Ursprünglich hatte Merkel zum Feldlager in der Unruheprovinz Kundus fliegen wollen. Wegen heftigen Schneefalls war dies aber nicht möglich. Es war die vierte Reise Merkels nach Afghanistan seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2005. Zuletzt hatte sie das Land im Dezember 2010 besucht. Damals sprach sie mit Blick auf den Bundeswehreinsatz erstmals von einem Krieg.
Von Masar-i-Scharif aus übermittelte Merkel auch dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai telefonisch ihr Beileid für das von einem US-Soldaten angerichtete Blutbad. Sie sprach von einer "schrecklichen Tat" und sicherte nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert zu, dass die NATO-geführte Afghanistan-Truppe ISAF den Vorfall aufklären wolle.
Ein US-Soldat hatte am Sonntag im Süden Afghanistans 16 Menschen getötet und wurde anschließend festgenommen. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) nannte das Blutbad bei einem Besuch in Usbekistan einen "grauenhaften Vorfall". An der "Strategie der Übergabe in Verantwortung" ändere dieser aber nichts.
Für den Amoklauf des US-Soldaten drohten die radikalislamischen Taliban im Internet Vergeltung für "jeden einzelnen Märtyrer" an. Das afghanische Parlament verlangte einen öffentlichen Gerichtsprozess, in dem "die Verantwortlichen vor dem afghanischen Volk verfolgt und verurteilt" werden sollten. US-Präsident Barack Obama hatte am Sonntag eine rasche Untersuchung des Vorfalls angekündigt.
Stammesälteste der Region Kandahar mahnten zur Ruhe und wollen von Aufrufen zu Protesten gegen die US-Armee absehen. Stammeschefs des Bezirks Pandschwaji, wo sich die Bluttat am Sonntag abgespielt hatte, hätten sich verpflichtet, "nicht zu Demonstrationen aufzurufen", sagte Hadschi Agha Lalai, selbst ein einflussreicher Stammesführer, der Nachrichtenagentur AFP. Zuvor hatte er nach eigenen Angaben mehrere Älteste in seinem Haus in Kandahar zu Gesprächen empfangen. Die afghanische Regierung habe den Stammesältesten der Region zugesichert, sich auf höchster Ebene um den Fall zu kümmern.
Agha Lalai zufolge, der auch Mitglied im Provinzrat von Kandahar ist, wurden die am Sonntag getöteten Afghanen noch am selben Tag beerdigt. Zu Zwischenfällen sei es nicht gekommen, die Teilnehmer an den Zeremonien seien einfach traurig gewesen und gekommen, um an den Beerdigungen teilzunehmen. Die afghanischen Behörden setzten mehr Soldaten und Polizisten ein, um Demonstrationen in Kandahar, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, zu verhindern.
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