Mit ICOMOS-Preis ausgezeichnet

Mit der U-Bahn auf Zeitreise

Holzminden (ozm) - Bröckelnde Fliesen, grellbunte Wandverkleidungen und abgenutzte Sitzbänke – sind U-Bahnhöfe der Siebziger- und Achtzigerjahre erhaltenswert und sollten sie vielleicht sogar unter Denkmalschutz stehen? Mit dieser Frage beschäftigten sich 15 HAWK-Masterstudierende der Architektur im Rahmen des Kurses „Kulturgeschichte des Bauens und Nutzens“.

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Schäden dieser Art würden oft nur lieblos repariert, kritisiert Keuchel. Im schlimmsten Fall würden die alten Fliesen komplett entfernt.

© Foto: privat

Einer von ihnen ist Alexander Keuchel. Für seine Arbeit über die Berliner U-Bahnlinie U7 wurde er nun beim Studierendenwettbewerb „60plus“ des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) ausgezeichnet.
Ein Plädoyer für die Erhaltung von U-Bahn- und Verkehrsanlagen der Nachkriegszeit war für den Wettbewerb gefragt. Prof. Dr.-Ing. Birgit Franz hatte das Thema des Wettbewerbs zum Thema ihrer Lehrveranstaltung gemacht. Die 15 Studierenden des Kurses sollten sich dabei ausschließlich der Erhaltung von U-Bahn-Stationen widmen und Plakate zu einem Thema ihrer Wahl erstellen. Wer wollte, konnte sein Plakat anschließend beim ICOMOS-Wettbewerb einreichen.
Alexander Keuchel nahm mit seinem Plakat zur U7 teil und wurde gemeinsam mit vier weiteren Mitbewerber/innen ausgezeichnet. „Das lag vielleicht auch daran, dass ich mich als einziger mit einer ganzen U-Bahn-Linie beschäftigt habe“, glaubt er. Er habe sich einfach nicht nur auf einen einzigen U-Bahnhof beschränken können, erzählt er. Zum einen böte die U7 für Fahrgäste eine einzigartige „Zeitreise“ von der Sachlichkeit der Sechzigerjahre in den U-Bahnhöfen von Berlin-Britz über die Pop-Bahnhöfe der Siebziger bis hin zu den opulenten Spandauer Bahnhöfen der Achtzigerjahre. Außerdem zeichne die U7 aus, dass ein großer Teil ihrer Bahnhöfe von einem einzigen Architekten entworfen wurde: Rainer Gerhard Rümmler gestaltete als Baubeamter viele der Berliner U-Bahnhöfe der Nachkriegszeit. „Dass man über die Jahre hinweg die Handschrift einer Person erkennen kann, fand ich besonders interessant“, erklärt Keuchel.
Eigentlich beschäftigt sich Alexander Keuchel am liebsten mit Fachwerkbauten aus Holz und Lehm. Die endlosen Betontunnel der Berliner U-Bahn sind für den Masterstudenten der Architektur eher ein ungewohntes Terrain. Doch Keuchel begeisterte sich für die neue Herausforderung. „Zwei Tage habe ich nur damit verbracht, die Stationen abzufahren“, erinnert er sich. Für seinen Wettbewerbsbeitrag arbeitete er heraus, in welchen Merkmalen die U-Bahnhöfe typisch für ihre Zeit sind. In den Sechzigerjahren begann die Erweiterung der damaligen Line CI. „Diese ersten Stationen waren noch von der damals vorherrschenden Sachlichkeit geprägt“, erklärt Keuchel. In den Siebzigern entstanden dann die „Pop-Bahnhöfe“, in denen große Flächen mit teils knalligen Farben gestaltet wurden. „Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre stand dann weniger der technische Fortschritt im Vordergrund.“ Stattdessen habe man zunehmend Elemente aus der städtischen Umgebung in die Gestaltung der U-Bahnhöfe mit einbezogen. So entstanden teils verspielte Mosaike, die dem Betrachter ganze Geschichten erzählen. Die „Zeitreise“ mit der U7 endet mit den pompösen Spandauer Bahnhöfen aus den Achtzigerjahren. „Dort wurden richtig edle Materialien wie Marmor verarbeitet“, beschreibt Keuchel.
Gerade diese Vielfalt mache die U-Bahn-Linie, zumindest teilweise, erhaltenswert, findet der Masterstudent. „Das Besondere ist, dass von jedem Gestaltungskapitel noch mindestens ein Bahnhof gut erhalten ist.“
Tatsächlich stehen bereits 17 der 40 Bahnhöfe der Linie unter Denkmalschutz. Doch je älter die Bahnhöfe sind, desto öfter sei die originale Bausubstanz bereits ausgetauscht worden, bemängelt Keuchel. „Oft wird viel abgerissen, was noch erhalten werden könnte. Gerade Hintergleiswände werden oft gleich vollständig abgenommen.“ Auch lieblose Sanierungsversuche, bei denen beispielsweise die ursprünglichen Farben verfälscht würden, habe er bei seiner Tour durch die U-Bahnhöfe entdeckt. „Natürlich müssen wir nicht über alles eine Käseglocke stülpen und alles erhalten. Aber man sollte eine Haltung zu diesen Dingen entwickeln und sich fragen, was für unsere Gesellschaft wichtig und erhaltenswert ist.“
Um die Berliner U7 auch für zukünftige Generationen erfahrbar zu machen, hat der Student bereits eine Idee: Die Linie könnte genau mit dieser „Zeitreise“ über drei Jahrzehnte beworben werden. Informationstafeln oder eine Smartphone-App könnte auf die Besonderheiten der Linie hinweisen. Keuchel glaubt: „Das würde für die Bürger eine Gesamtübersicht bieten. Wenn man das große Ganze sieht, ist man auch eher bereit, es zu schützen.“
Gemeinsam mit den anderen Ausgezeichneten durfte Alexander Keuchel sein Plädoyer für die Erhaltung der U-Bahnhöfe bei der Preisverleihung im Metallarbeiter-Gewerkschaftshaus in Berlin Kreuzberg vorstellen. Das Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes, 1929 von Erich Mendelsohn, gehört zu den Architekturikonen der Moderne und ist heute Sitz der Architektenkammer Berlin, einem der sechs Kooperationspartner des Wettbewerbs. Zu den Kooperationspartnern gehören außerdem die Wüstenrotstiftung, die Hochschule Trier, der Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V., die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und die Initiative Keberos e.V.i.G..