Universität Kiel forscht gemeinsam mit dem LWL

Stadtmauer von Borgentreich entdeckt

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Die Archäologen Fritz Jürgens und Nils Wolpert.

© Foto: Sürder

Borgentreich (wrs) - Auf der Suche nach der mittelalterlichen Stadtmauer in Borgentreich sind Archäologen fündig geworden: In einem Kooperationsprojekt mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben dreizehn Studierende der Universität Kiel mehrere Bereiche des Fundaments der historischen Stadtbefestigung freigelegt. Der Verlauf der Anlage, die im 19. Jahrhundert abgerissen wurde, war teilweise unklar.

Auf den ersten Blick zeugt heute nichts mehr davon, dass die Gärten am Steinweg in Borgentreich direkt an der mittelalterlichen Stadtbefestigung liegen. Wo einst eine vier Meter hohe Mauer stand, haben Wissenschaftler nun die letzten unterirdisch erhaltenen Spuren freigelegt. Etwa einen Meter breit ist der Fundamentgraben, der mit den Bruchsteinen der Mauer verfüllt ist. An zwei Stellen haben die Nachwuchs-Archäologen der Universität Kiel einen Teil der Befestigungsanlage zutage gebracht.

Unmittelbar hinter den Grabungsflächen öffnet sich noch immer ein etwa 45 Meter breiter und vier Meter tiefer Graben, der heute bewaldet ist. "Der Graben sowie die Namen und Verläufe von Straßen geben uns Anhaltspunkte für den Verlauf der Stadtmauer. Speziell hier im nördlichen Bereich fehlte bislang ein eindeutiger archäologischer Nachweis des genauen Standorts - den konnten wir nun liefern", erläuterte der Archäologe Fritz Jürgens, der die Grabungen seitens der Universität Kiel leitet und selbst aus Borgentreich stammt.

Graben und Stadtmauer bildeten im Mittelalter eine mächtige Verteidigungsanlage für die noch junge Stadt. "Die Forschung hat sich bisher auf Großstädte konzentriert. Kleinstädte wurden eher vernachlässigt", sagte Jürgens weiter. Bekannt ist, dass die Stadtmauer 1806 nach einem Stadtbrand abgerissen wurde. 1914 wurde dann der Wall eingebnet. Der Bereich, in dem die Mauerreste entdeckt wurden, ist seit etwa 1800 unbebaut. "Ein Glücksfall für uns", wie Jürgens findet.

Auch Borgentreichs Bürgermeister Rainer Rauch freut sich über die Ausgrabungen: "Ein besserer Einblick in die Gründerzeit unserer Stadt ist sowohl für die Bürgerinnen und Bürger als auch für Gäste von Borgentreich sehr zu schätzen." Mit solchen Einblicken könnte Interesse an der Stadtgeschichte geweckt werden. Was eine Unterschutzstellung betrifft, sei aber zuerst die Politik gefragt.

Im Umfeld des Fundamentgrabens haben die Archäologen mehrere Scherben von Tongefäßen gefunden. Diese Scherben bestätigen, dass es sich bei den verstürzten Steinen tatsächlich um die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer handelt. Darüber hinaus haben die Studierenden Funde quer durch die Neuzeit bis in die Moderne geborgen, etwa Tierknochen, einen Pfeifenkopf, Teile von Glasflaschen und das Porzellanauge einer Puppe - der Abfall von Jahrhunderten. "Für uns als Archäologen ist dieser Abfall aber ebenso ein Teil der bewegten Geschichte dieses Ortes, den Menschen über Jahrhunderte hinweg geprägt haben", fügt LWL-Archäologe Nils Wolpert hinzu. Außerdem werden diese Überreste für die Ausbildung genutzt, um Studierenden den Unterschied zwischen relevanten und nicht relevanten Funden beizubringen. 

"Wann genau die Stadtmauer angelegt wurde, ist unklar", erklärt Fritz Jürgens. Borgentreich wird in Urkunden zum ersten Mal 1280 als eine befestigte Stadt erwähnt. Otto von Rietberg, Nachfolger des Stadtgründers Bischof Simon, gelobt dem Erzbischof Siegfried von Köln, Borgentreich niederzureißen, falls der Erzbischof zu der Befestigung der Städte nicht seine Erlaubnis erteile. "Ob zu diesem Zeitpunkt die Stadt nur durch einen Wall oder bereits eine steinerne Mauer geschützt war, ist nicht überliefert", so Jürgens. Für das Jahr 1288 bestätigt eine Urkunde eine Mühle "am Tor" - der erste Nachweis eines Stadttores. Von ehemals sieben zinnengekrönten Türmen steht heute nur noch der Balkenturm, der nach einer Familie "von Balken" benannt ist. Nach dem letzten großen Stadtbrand wurde die Mauer zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissen, die Steine wurden als Baumaterial weiterverwendet.