Erfurt (dp) – Zehn Jahre ist es her – für die Lehrer, Schüler und Mitarbeiter des Gutenberg-Gymnasiums wird es sein als wäre es erst gestern geschehen.
Am 26. April 2002 war der Amoklauf von Erfurt, der Tag, an dem Robert Steinhäuser zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten erschoss. Anschließend tötete er sich selbst. Es war der Tag, an dem die Stadt erstarrte, die Leute auf der Straße kaum sprachen, sich eine Schlange vor dem Rathaus gebildet hatte. Das waren Menschen, die sich in das Kondolenzbuch der Stadt eintrugen. Und es waren nicht nur Erfurterinnen und Erfurter. Im Gutenberg-Gymnasium war es der letzte Tag der schriftlichen Abiturprüfungen. Die Schüler saßen in ihren Klassenzimmern. Vermutlich gegen 10.45 Uhr betrat Robert Steinhäuser die Schule.
Da war er noch unmaskiert, die Waffen trug er in einer Sporttasche oder einem Rucksack bei sich. In der Herrentoilette wechselte er die Kleidung teilweise, zog sich eine Maske über den Kopf. Dann begann er mit dem Töten. Zuerst im Sekretariat. Dort erschoss er die Sekretärin und die stellvertretende Schulleiterin. Die Direktorin, Christiane Alt, befand sich im Nebenzimmer, das der Mörder nicht betrat. Erst als sie, durch den Lärm angelockt, im Sekretariat die beiden Toten sah, verriegelte die Direktorin ihre Tür und rief die Polizei. Inzwischen begab sich Robert Steinhäuser auf seinen Weg durch die Schule. Einen Weg, der zum Schluss von 16 Toten gesäumt war. Er erschoss Lehrer, die ihm begegneten, Schüler hinter der Klassentür, einen Polizisten, der die Schule betreten wollte. Polizisten fanden hinterher 71 Patronenhülsen aus der Pistole des Täters, der Sportschütze war.
Der Letzte, der den Amok-Schützen lebend gesehen hat, dürfte der Lehrer Rainer Heise gewesen sein. Nach dessen Aussage, gelang es ihm, Robert Steinhäuser in einen leeren Raum zu stoßen und die Tür zu verriegeln. Dort erschoss sich der Schüler dann selbst. Der Amoklauf dauerte vom ersten Schuss bis zum Selbstmord Steinhäusers etwa 20 Minuten. Seine Leiche wurde im Raum 111 von Polizisten des SEK gefunden. Das Motiv des Massenmörders kann nur vermutet werden. Er war im Oktober dem Unterricht fern geblieben, legte als Entschuldigung später ein gefälschtes Attest vor. Er wurde daraufhin wegen Urkundenfälschung der Schule verwiesen. Es hatte schon im Vorfeld Probleme mit dem Schüler gegeben. Seinen Leistungen nach hätte er das Abitur nicht bestanden. Und nach dem Thüringer Schulsystem hätte er die Schule ohne Abschluss verlassen. Man vermutet darin die die Ursache.
Es war ein Amoklauf, dessen Dimension es an einer deutschen Schule noch nie gegeben hatte. Die Schüler und Lehrer flüchteten in Panik aus dem Gebäude, versammelten sich auf dem nahegelegenen Sportplatz. In Windeseile wurden Zelte aufgebaut, Seelsorger und Psychologen geholt, die Eltern verständigt. Die meisten, die den Amoklauf erlebt haben, sind heute noch traumatisiert, brauchen psychologischen Beistand. „Dieser Tag hat sich ins Bewusstsein der Erfurter eingebrannt“, sagte Oberbürgermeister Andreas Bausewein zehn Jahre später. Er war selbst Gutenberg-Schüler, hat einige Jahre vorher die Schule verlassen.
Diejenigen, die damals vor dem Amokläufer flüchteten, werden die Bilder ihrer toten Lehrer, das Gefühl von Panik und Ohnmacht wohl nie mehr los. Von den 56 Lehrerinnen und Lehrern, die diesen Tag erlebten, sind noch 14 an der Schule beschäftigt – und der Hausmeister. In Polizeidirektion hatte man ein Bild des erschossenen Polizisten aufgehängt, an der Schule wurde eine Gedenktafel mit den Namen der Getöteten angebracht – sichtbares Gedenken. Aber für die, die dabei waren hat der Horror nie aufgehört. Sie sind Zeitzeugen und es ist ein Teil ihres Lebens geworden.
Und am 26. April werden auch zehn Jahre danach - wie damals - die Erfurter Glocken läuten. Dann kehren auch die Gedanken an diesen Tag zurück. Die Menschen werden sich vor der Schule versammeln, sich vor dem Schild mit den Namen der Opfer verneigen. Aber es ist inzwischen eine neue Generation von Schülern eingezogen, die der Schule auch einen neuen Geist gibt.
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