Ärzteverband warnt vor Folgen von "Verdrängung und Normalitätssehnsucht"

Marburger Bund sieht Deutschland bereits von zweiter Corona-Welle erfasst

Berlin (AFP) - Eine vielfach befürchtete zweite Corona-Welle hat Deutschland nach Einschätzung des Ärzteverbands Marburger Bund bereits erfasst. "Wir befinden uns ja schon in einer zweiten, flachen Anstiegswelle", sagte die Vorsitzende Susanne Johna der "Augsburger Allgemeinen" vom Dienstag. Zugleich versicherte sie, dass die Krankenhäuser darauf vorbereitet seien.

Schülerinnen mit Atemmaske in der Hand in Rostock Bild anzeigen Schülerinnen mit Atemmaske in der Hand in Rostock © AFP

Anders als bei der ersten Welle sollten Krankenhausbetten diesmal allerdings nicht pauschal, sondern am Bedarf orientiert freigehalten werden, sagte Johna. "Weil sich das Pandemiegeschehen langsam aufbaut, müssen wir für Covid-19-Patienten gestuft Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen." Es müsse also eine zeitliche Staffelung der sogenannten Vorhaltung an Betten geben.

Angesichts der steigenden Zahl an Neuinfektionen äußerte die Ärztevertreterin die Befürchtung. "dass wir die Erfolge, die wir bislang in Deutschland erzielt haben, in einer Kombination aus Verdrängung und Normalitätssehnsucht wieder verspielen". So lange es keine Arzneimittel zur Behandlung von Covid-19 gebe, müsse die Verbreitung des Virus eingedämmt werden. "Das geht nur über die AHA-Formel - Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – und lokale Quarantäne."

Auch der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, warnte vor der Gefahr einer zweiten Welle. "Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, die Krise wäre überstanden", sagte Weber dem Newsroom der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Er rief dazu auf, "weiterhin wachsam" zu bleiben.

Im niederbayerischen Mamming stieg indes die Zahl der Corona-Infizierten in einer Konservenfabrik auf 166. Der gesamte Betrieb mit 600 Mitarbeitern wurde vorübergehend stillgelegt, wie der Landkreis Dingolfing-Landau mitteilte. Die Belegschaft befinde sich in Quarantäne. Diese gelte bis zur Klärung der Zusammenhänge auch für zwei weitere Standorte des Betriebs mit insgesamt 130 Mitarbeitern.

Nach einer ersten Reihentestung waren den Behörden am Wochenende 43 Infizierte gemeldet worden. Ein zweiter Test sollte mehr Sicherheit bringen. "Es war zwar zu erwarten, aber trotzdem sind es bittere Nachrichten", erklärte Landrat Werner Bumeder (CSU). Die Stilllegung habe weitreichende Folgen für den gesamten Gemüseanbau in Niederbayern. Der Betrieb liegt nach Angaben des Landkreises in der Nähe des ersten Hofs, auf dem vor einer Woche ein größerer Ausbruch registriert wurden. Dort wurden insgesamt 232 von 479 Erntehelfern positiv getestet.

Auch im baden-württembergischen Schwäbisch Gmünd im Ostalbkreis stieg nach einem regionalen Corona-Ausbruch im Zusammenhang mit einer Trauerfeier die Zahl der Infizierten. Über das Wochenende seien 14 Neuinfektionen hinzugekommen, teilte der Landkreis mit. Damit seien mittlerweile hundert Corona-Erkrankungen auf diese Feier zurückzuführen.

Zudem führte ein privates Sommerfest in Wiesbaden mit mindestens hundert Beteiligten zu einem Anstieg der Fallzahlen. Bis zum Montag wurden der hessischen Landeshauptstadt 18 positive Fälle gemeldet. 15 davon stammen aus dem Wiesbadener Stadtgebiet. Mit weiteren Ergebnissen werde in den kommenden Tagen gerechnet. Sämtliche Kontaktpersonen würden ermittelt. Dies sei sehr aufwändig, weil die Feier bereits einige Tage her sei und einige Gäste in der Zwischenzeit in den Urlaub gereist seien.