Offenbar Kehrtwende angesichts drastisch steigender Corona-Infektionszahlen

Medien: Johnson erwägt nun doch neuen landesweiten Lockdown

London (AFP) - Der britische Premierminister Boris Johnson erwägt im Kampf gegen die Corona-Pandemie offenbar nun doch einen neuen landesweiten Lockdown. Wie die "Times" und andere Medien am Samstag unter Berufung auf Regierungskreise berichteten, soll alles geschlossen werden – bis auf lebensnotwendige Geschäfte, Kindergärten, Schulen und Universitäten. Johnson kündigte seinerseits für den Nachmittag überraschend eine Pressekonferenz an.
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Corona-Empfehlungen in Leeds © AFP

Johnson werde sich zusammen mit seinen wissenschaftlichen und medizinischen Beratern äußern, kündigte die Regierung an. Zuvor wolle er die Situation per Videokonferenz mit seinen Ministern erörtern.

Der Premierminister hatte es nach dem ersten landesweiten Lockdown im März bisher abgelehnt, eine solche Maßnahme erneut zu beschließen. Er setzte stattdessen auf regionale Beschränkungen nach einem dreistufigen Warnsystem. Experten warnen aber schon seit Tagen, dass diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um die rasante Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Großbritannien hat mit mehr als 46.000 Todesfällen die höchste Zahl an Corona-Toten in Europa zu beklagen. Fast eine Million Menschen haben sich bereits infiziert. Allein in England werden nach Angaben des britischen Statistikamts derzeit jeden Tag mehr als 50.000 neue Infektionsfälle verzeichnet.

Damit werden nach Einschätzung von Experten selbst die düstersten Corona-Prognosen übertroffen: Wie aus Dokumenten der wissenschaftlichen Beratergruppe der Regierung für Notfälle (Sage) hervorgeht, könnte die Zahl der Infizierten und Krankenhauseinweisungen sogar die Berechnungen für den schlimmsten Fall übertreffen. Das im Juli ausgearbeitete Worst-Case-Szenario ging von weiteren 85.000 Todesfällen in einer zweiten Infektionswelle im Winter aus.

In Schottland, Wales und Nordirland haben die Regionalregierungen angesichts der steigenden Infektionszahlen schon wieder einen Teil-Lockdown verhängt. Johnson schreckte davor bisher zurück, weil er die wirtschaftlichen Folgen fürchtet. Außenminister Dominic Raab sagte erst am Freitag, die Regierung halte an dem dreistufigen Warnsystem mit "gezielten" regionalen Einschränkungen fest.

Die wissenschaftlichen Berater der Regierung hatten schon im September einen zweiwöchigen "Wellenbrecher"-Lockdown vorgeschlagen, der mit den Schulferien in dieser Woche zusammenfallen sollte. Johnson lehnte dies jedoch ab. Kritiker halten ihm vor, dass nun ein noch längerer Lockdown notwendig sei.

Inzwischen laufe das Coronavirus im ganzen Land und in allen Altersgruppen "Amok", sagte das Sage-Mitglied Calum Semple am Samstag. Londons Bürgermeister Sadiq Khan von der oppositionellen Labour-Partei schrieb auf Twitter, die zögerliche Haltung der Regierung vernichte Menschenleben und Existenzgrundlagen. "Wir müssen jetzt handeln, um beides zu schützen."

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