Lückenlose Aufklärung nach Verschwinden von Beweismaterial bei Polizei gefordert

NRW-Chef der Polizeigewerkschaft: Im Fall Lügde nichts unter den Tisch kehren

Düsseldorf (AFP) - Nach dem Verschwinden von Beweismitteln im Fall des mehr als tausendfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Nordrhein-Westfalen hat die Deutsche Polizeigewerkschaft lückenlose Aufklärung gefordert. "In keinem Strafverfahren dürfen Beweismittel verschwinden - das geht überhaupt nicht", sagte der NRW-Chef der Gewerkschaft, Erich Rettinghaus, der "Rheinischen Post" vom Freitag.

Polizeiabsperrung auf Campingplatz "Eichwald" in Lügde Bild anzeigen Polizeiabsperrung auf Campingplatz "Eichwald" in Lügde © AFP

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass bei der Kreispolizei Lippe 155 Datenträger vermisst werden. Die CDs und DVDs hatten Ermittler im Fall der jahrelangen Kindesmissbrauchsserie auf dem Campingplatz von Lügde bei dem 56-jährigen Hauptverdächtigen beschlagnahmt.

Nun müsse gründlich ermittelt werden, sagte Rettinghaus. "Nichts darf unter den Tisch gekehrt werden, man muss transparent mit dem Fall umgehen." Zunächst aber gelte die Unschuldsvermutung, ergänzte er.

Zuletzt waren die in einem Aktenkoffer und einer Hülle gelagerten Datenträger im Dezember in einem speziellen Auswertungsraum der Kriminalpolizei in Detmold gesehen worden, ihr Verlust wurde erst rund sechs Wochen später festgestellt. Zur Aufklärung der Vorfälle entsandte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) fünf Beamte des Düsseldorfer Landeskriminalamts als Sonderermittler.

Reul sprach von einem "Desaster". Zugleich betonte der Minister, die Gesamtermittlungen seien nicht gefährdet. Auf den vermissten CDs und DVDs können sich demnach maximal 0,7 Terabyte an Daten befinden. Beschlagnahmt hatten die Ermittler 15 Terabyte Daten.

Die Kreispolizei in Lippe räumte am Donnerstagabend "eklatante Fehlleistungen" bei den Ermittlungen in dem Aufsehen erregenden Fall ein. "Diese hätten nicht geschehen dürfen", erklärte sie.

Wie die "Rheinische Post" laut Vorabmeldung vom Freitag zusätzlich berichtete, war bei der Kreispolizei in Lippe ein Polizei-Anwärter mit der Auswertung des sichergestellten Beweismaterials betraut. Dies habe die Behörde ihr gegenüber bestätigt, schrieb die Zeitung.

Die Missbrauchsserie von Lügde war am 30. Januar bekannt geworden. Nach jüngstem Ermittlungsstand wurden dort auf dem Campingplatz "Eichwald" über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren mindestens 31 Kinder missbraucht. Die meisten waren zur Tatzeit zwischen vier und 13 Jahre alt. Drei Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft.

Zudem ermittelt das Polizeipräsidium Bielefeld in dem Fall wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt gegen Polizeibeamte und wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht gegen Mitarbeiter von Jugendämtern. Hintergrund ist, dass einem 56-jährigen Tatverdächtigen 2016 ein damals fünfjähriges Pflegekind anvertraut wurde, an dem er sich ebenfalls vergangen haben soll.