Massiver Proteste gegen verschärfte Maßnahmen in Marseille

Neuer Höchststand von gut 16.000 Corona-Neuinfektionen in Frankreich

Marseille (AFP) - In Frankreich ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen mit gut 16.000 auf einen neuen Höchststand gestiegen - doch zugleich regt sich erstmals massiver Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Unter dem Motto "Rettet unsere Bars und Restaurants!" gingen in der besonders betroffenen Stadt Marseille am Freitag hunderte Gastwirte gegen die angekündigte Schließung ihrer Lokale auf die Straße.
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"Rettet die Bars und Restaurants" - Demo in Marseille © AFP

Der regionale Arbeitgeberverband warnte in einer Erklärung vor einem "wirtschaftlichen Lockdown", denn Fitnessstudios und andere Einrichtungen sind ebenfalls betroffen. Auch in anderen Landesteilen gibt es scharfe Proteste gegen die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die rund ein Dutzend Großstädte betreffen, darunter auch Paris. Dort sind ab Montag unter anderem Versammlungen von mehr als zehn Menschen verboten und Großveranstaltungen mit mehr als tausend Teilnehmern. Für Bars und Restaurants gilt ab 22.00 Uhr eine Sperrstunde.

"Rettet unsere Arbeitsplätze, rettet unsere Unternehmen", war auf einem Banner in Marseille zu lesen, wo die Gastwirte ihrer Wut Luft machten: "Der Kelch ist voll", sagte ein Restaurantbesitzer aus dem benachbarten Aix-en-Provence, der ebenfalls zumachen muss. "Wir waren gerade dabei, wieder auf die Beine zu kommen." Eine Reihe von Gastronomen haben angekündigt, sich der Anordnung der Pariser Zentralregierung zu widersetzen. In Online-Netzwerken verbreiteten sich Aufrufe unter dem Hashtag #RESISTANCE (Widerstand).

Der Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Renaud Muselier, will juristisch gegen die neuen Einschränkungen vorgehen. Er sieht in ihnen eine "kollektive Bestrafung" für die rund 1,9 Millionen Menschen im Ballungsraum Marseille. Die Stadtverwaltung spricht von einem "Affront". Sie kritisiert, die Pariser Zentralregierung habe die neuen Maßnahmen nicht abgesprochen.

Bisher hatte es in Frankreich kaum Straßenproteste gegen die Corona-Politik der Regierung gegeben. Grund ist womöglich die sehr hohe Zahl von 31.500 Todesfällen. Gesundheitsminister Olivier Véran wollte am Freitagnachmittag das größte städtische Krankenhaus in Marseille besuchen. Er wurde bei der Demonstration symbolisch ausgebuht.

Marseille und sein Umland sind am stärksten von der zweiten Welle der Corona-Infektionen in Frankreich betroffen. Zuletzt wurden dort 281 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner registriert, fast das Sechsfache des Warnwerts. Die Regionalbehörden verweisen allerdings darauf, dass die Zahlen seit einer Woche wieder leicht gesunken sind.

Landesweit verschärfte sich die Lage dagegen erneut: Binnen 24 Stunden wurden in Frankreich weitere 16.096 Menschen positiv getestet, wie die nationale Gesundheitsbehörde am Donnerstagabend mitteilte. Das sind nochmals rund 2400 Neuansteckungen mehr als beim bisherigen Höchststand vom vergangenen Samstag. Die Zahl der Corona-Toten stieg binnen eines Tages um 52.

Experten weisen jedoch darauf hin, dass während der ersten Corona-Welle im März und April mangels Kapazitäten nur sehr wenig getestet wurde. Inzwischen sind es wöchentlich mehr als 1,2 Millionen Tests.

Die Wiedereröffnung von Cafés und Restaurants nach dem Lockdown Anfang Juni hatten viele Franzosen geradezu euphorisch gefeiert. Präsident Emmanuel Macron würdigte die Gastronomiebetriebe als Symbole des "französischen Esprits, unserer Kultur und Lebenskunst". Ihre erneute Schließung nährt die Ängste vor einer neuen landesweiten Ausgangssperre.

Regierungschef Jean Castex appellierte im Fernsehen an die gemeinsame "Verantwortung" der Franzosen. Er argumentierte, durch die verschärften Maßnahmen könne ein weiterer Lockdown vermieden werden.

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