87 Leichen nach Schiffsunglück in Südkorea geborgen

Südkoreas Präsidentin wirft "Sewol"-Crew "Mord" vor

Jindo (AFP) - In die Trauer um die Opfer des Schiffsunglücks in Südkorea mischt sich zunehmend Wut auf die Verantwortlichen der Tragödie. Während weitere Leichen aus dem Wrack der Fähre "Sewol" geborgen wurden, erhob Präsidentin Park Geun Hye wegen der verspäteten Evakuierung Mordvorwürfe gegen den Kapitän und andere Mitglieder der Besatzung. Hoffnung, noch Überlebende des Unglücks zu finden, gab es praktisch nicht mehr.
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Bergungsmannschaft an der Unglücksstelle © AFP

"Die Taten des Kapitäns und einiger Besatzungsmitglieder waren vollkommen unverständlich, inakzeptabel und kamen Mord gleich", erklärte Park. Sie sagte nach Angaben ihres Büros, es sei zunehmend klar, dass Kapitän Lee Joon Seok die Evakuierung des sinkenden Schiffes unnötig verzögert und die Passagiere dann "im Stich gelassen" habe, als er selbst das Schiff verließ. "Dies ist vollkommen unvorstellbar, rechtlich wie ethisch", sagte Park. "Nicht nur mein Herz, die Herzen aller Südkoreaner sind gebrochen und mit Schock und Wut erfüllt."

Die "Sewol" war am Mittwochmorgen auf dem Weg zur Insel Jeju mit 476 Menschen an Bord gekentert und später gesunken. Am Montag bargen Taucher weitere Leichen aus dem Schiffswrack. 87 Todesopfer wurden inzwischen offiziell bestätigt. 215 Passagiere, darunter überwiegend Oberstufenschüler, galten am Montag noch als vermisst. Realistische Hoffnungen, noch Überlebende zu finden, gab es nicht mehr. Dennoch stemmten sich die Angehörigen weiter gegen den Einsatz schwerer Kräne, um das Schiff aufzurichten, so lange Taucher nicht den ganzen Rumpf abgesucht haben.

Kapitän Lee war am Samstag ebenso wie der Steuermann und die relativ unerfahrene dritte Offizierin festgenommen worden, die zur Zeit des Unglücks das Kommando auf der Brücke hatte. Gegen sie wurde Haftbefehl wegen Vernachlässigung von Dienstpflichten und Verstoßes gegen das Seerecht erlassen. Am Montag folgten die Festnahmen von drei weiteren Offizieren und eines Mechanikers, wie die Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft berichtete. Die vier müssten mit ähnlichen Vorwürfen rechnen.

Am Sonntag veröffentlichte Aufzeichnungen des Funkverkehrs zwischen der Fähre und der Schifffahrtskontrolle offenbarten, dass auf der Brücke Chaos und Panik herrschten und die Evakuierung verzögert wurde, als sich das Schiff auf die Seite legte. Die Anordnung, das Schiff zu verlassen, erfolgte erst 40 Minuten, nachdem es in Seenot geraten war. Experten und Opferangehörige vermuten, es hätten zahlreichen Menschen gerettet werden können, wenn sie rasch von Bord gebracht worden wären.

Die Aufzeichnungen zeigten, dass die Besatzung zögerte, das Schiff zu evakuieren, als sich dieses gefährlich zur Seite neigte. So sagte ein nicht identifiziertes Besatzungsmitglied, dass die Sicherheitsanweisungen nicht an die Passagiere durchgegeben werden konnten, da das Lautsprechersystem nicht funktionierte. Der Vertreter der Schifffahrtskontrolle drängte die Crew, die Evakuierung zu beschleunigen. "Lassen Sie sie wenigstens einen Rettungsring tragen und lassen Sie sie schwimmen. Jetzt!", sagt der Kontrolleur an Land. "Kostbare Minuten wurden verschwendet", urteilte die Zeitung "Dong A Ilbo".

Für Befremden sorgte am Montag auch die Veröffentlichung eines Werbevideos aus dem Jahr 2010. Darauf erklärt Kapitän Lee Fähren zu den sichersten öffentlichen Verkehrsmitteln - "so lange Sie die Anweisungen der Crew befolgen".

bfi/mt/ki

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