Russland und Türkei einigen sich auf Zentrum zur "Friedenssicherung" in Berg-Karabach

Aserbaidschanische Armee übernimmt Region Latschin von Armenien

Latschin (AFP) - Aserbaidschan hat am Dienstag die dritte und letzte Region übernommen, die Armenien gemäß dem Waffenstillstandsabkommen im Berg-Karabach-Konflikt abtreten muss. Aserbaidschanische Soldaten hissten am Morgen die Landesflagge über einem Verwaltungsgebäude der Stadt Latschin, wie AFP-Reporter berichteten. Russland und die Türkei einigten sich derweil auf die Einrichtung eines Zentrums zur Sicherung der Waffenruhe in der Südkaukasus-Region.

Aserbaidschanischer Soldat hisst die Landesflagge Bild anzeigen Aserbaidschanischer Soldat hisst die Landesflagge © AFP

In den vergangenen Wochen hatte Armenien bereits die Regionen Aghdam und Kalbadschar an den Nachbarstaat übergeben. Vier weitere Regionen waren schon während der sechswöchigen Kämpfe von den Streitkräften Aserbaidschans eingenommen worden.

Eine Kolonne aserbaidschanischer Militärfahrzeuge war in der Nacht begleitet von russischen Streitkräften in die Region eingerückt. Vor der Ankunft der Armee hatten die meisten der bisherigen armenischen Bewohner ihre Dörfer in der Region Latschin geräumt, viele nahmen ihr gesamtes Hab und Gut mit. Einige setzten auch ihre Häuser in Brand.

Der 48-jährige Lewon Geworgjan, Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts, entschied sich hingegen zu bleiben. "Ich fürchte mich nur vor Gott. Ich bin seit 22 Jahren hier, ich habe mit nichts angefangen, ich habe alles aufgebaut", sagte er. "Falls ich gehen muss, werde ich alles niederbrennen."

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew sprach in einer Fernsehansprache am Dienstag vom Anbruch "einer neuen Realität". "Wir haben den Feind aus unserem Land vertrieben. Wir haben unsere territoriale Integrität wiederhergestellt. Wir haben die Besatzung beendet", sagte er. Vor dem ersten Konflikt um Berg-Karabach in den 90er Jahren hätten fast 50.000 Aserbaidschaner in der Region Latschin gelebt. Sie würden nun in "naher Zukunft" zurückkehren.

Nach sechswöchigen schweren Kämpfen um Berg-Karabach hatten die verfeindeten Nachbarstaaten Armenien und Aserbaidschan Anfang November unter der Vermittlung Russlands einen Waffenstillstand geschlossen. Das Abkommen vom 9. November sieht vor, dass beide Kriegsparteien jene Gebiete behalten, in denen sie derzeit die Kontrolle haben - für Armenien bedeutet das große Gebietsverluste. Seither gibt es Armenien heftige Proteste gegen die Regierung.

Für die Kontrolle des Waffenstillstands sind laut dem Abkommen russische Truppen zuständig. Diese sichern auch eine wichtige Straße, die durch die Region Latschin führt und die Regionalhauptstadt Stepanakert mit Armenien verbindet. Moskau und Ankara einigten sich am Dienstag zudem auf die Einrichtung eines gemeinsamen Zentrums zur "Friedenssicherung" in der umstrittenen Region. Ankara ist ein enger Verbündeter Aserbaidschans.

Olesja Wartanjan, Analystin der auf Konflikte spezialisierten International Crisis Group (ICG), sieht in der Übergabe der letzten Region an Aserbaidschan zwar ein Zeichen, dass das Waffenstillstandsabkommen "funktioniert". Der neue Status quo bleibe aber "unklar", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

"Das von Moskau vermittelte Abkommen ist sehr präzise, wenn es um die Übergabe der Gebiete geht, aber in mehreren Punkten wie dem Mandat der russischen 'Friedenstruppen' und der Art und Weise, wie das Leben der örtlichen Bevölkerung organisiert werden soll, bleibt es unklar", sagte sie.

Berg-Karabach hatte während des Zerfalls der Sowjetunion einseitig seine Unabhängigkeit erklärt. Darauf folgte in den 90er Jahren ein Krieg mit 30.000 Todesopfern. Die selbsternannte Republik wird bis heute international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt.