Angeklagte des Versuchs der "Destabilisierung der Wirtschaft" beschuldigt

Bloomberg-Reporter in Istanbul wegen Artikels zur Währungskrise vor Gericht

Istanbul (AFP) - Zwei Reporter der Nachrichtenagentur Bloomberg haben vor einem Gericht in Istanbul Vorwürfe zurückgewiesen, während der Währungskrise vergangenes Jahr versucht zu haben, mit einem Artikel "die türkische Wirtschaft zu destabilisieren". "Wir haben unseren Job gemacht: unsere Leser informieren", verteidigte sich der Journalist Kerim Karakaya bei der Anhörung am Freitag. Die Organisation Reporter ohne Grenze sprach von einem besorgniserregenden Trend in der Türkei, "Wirtschaftsberichterstattung zu kriminalisieren".
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Reporter wegen Artikel zu Währungskrise vor Gericht © AFP

In dem Artikel vom 10. August 2018 hatten die beiden Bloomberg-Journalisten Kerim Karakaya und Fercan Yalinkilic geschrieben, dass die türkische Bankenaufsicht nach dem dramatischen Absturz der Lira eine Krisensitzung abhalten werde. Die Bankenaufsicht bestritt dies aber. Yalinkilic verwies vor Gericht darauf, dass der Artikel daraufhin mit dem Dementi der Bankenaufsicht aktualisiert worden sei.

Karakaya sagte bei der Gerichtsanhörung, er könne nicht verstehen, warum ihr Artikel eine solche Aufmerksamkeit erhalten habe, da es völlig normal gewesen sei, dass die Bankenaufsicht eine Sitzung abhalten würde. Ihr Artikel habe sich "im Rahmen des Journalismus" bewegt. "Ich arbeite seit zehn bis 15 Jahren im Journalismus und verfolge die Märkte. Es ist das erste Mal, dass ich vor Gericht erscheine", sagte Karakaya.

Mit den Bloomberg-Journalisten standen am Freitag in Istanbul vier weitere Journalisten und 32 Internetnutzer vor Gericht, die im Kurzmitteilungsdienst Twitter den Bloomberg-Artikel kommentiert hatten, darunter der renommierte Ökonom Mustafa Sönmez. Ihnen drohen im Fall eines Schuldspruchs wegen "Destabilisierung der türkischen Wirtschaft" bis zu fünf Jahren Haft.

Mehrere der Angeklagten wiesen die Vorwürfe am Freitag als absurd zurück. "Ich glaube nicht, dass ich die Gesetze der Kapitalmärkte beeinflussen kann. Meine Tweets sind nicht verantwortlich für den Anstieg des Dollar", sagte der Arbeitslose Fecri Calboga vor Gericht. Die Richter lehnten einen Freispruch jedoch ab, da noch nicht alle Angeklagten angehört worden seien, und vertagten den Prozess auf den 17. Januar.

Der Türkei-Vertreter der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF), Erol Önderoglu, bezeichnete den Prozess als weiteren Beleg für eine "neue besorgniserregende Tendenz, die Berichterstattung über Wirtschaftsfragen anzugreifen". Das "absurde" Verfahren" sende ein "desaströses Signal an Investoren". "Kein Problem wurde jemals dadurch gelöst, dass der Botschafter erschossen wurde", warnte der RSF-Vertreter Önderoglu.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat westlichen Medien wiederholt vorgeworfen, die türkische Wirtschaft schlecht machen zu wollen. Die Währungskrise bezeichnete er als Angriff ausländischer Mächte auf die Türkei.

Die türkische Währung war im August 2018 inmitten eines Streits der Türkei mit den USA um die Inhaftierung des US-Pastors Andrew Brunson eingebrochen. Nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, Sanktionen gegen die Türkei zu verhängen, verlor die Lira an einem einzigen Tag 24 Prozent ihres Werts. Inzwischen hat sich die Lira zwar wieder stabilisiert, doch liegt sie weiter deutlich unter ihrem Niveau von vor der Krise.

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