Erster Reaktor des ältesten französischen Akw geht ab Freitagabend vom Netz

Bundesregierung begrüßt Aus für Atomkraftwerk Fessenheim

Berlin (AFP) - Nach 43 Jahren steht das älteste französische Atomkraftwerk in Fessenheim an der deutschen Grenze vor dem Aus: "Jetzt ist es endlich soweit", erklärte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Freitag in Berlin. Der erste Reaktor am Oberrhein wird ab Freitagabend heruntergefahren, der zweite folgt Ende Juni. Frankreich beugt sich damit dem Druck aus Deutschland und der Schweiz - gut drei Jahre später als geplant.
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Französisches Atomkraftwerk Fessenheim © AFP

Frankreichs Energieministerin Elisabeth Borne nennt die Abschaltung einen "historischen Schritt": Erstmals wird einer der bislang 58 Reaktoren des Landes endgültig vom Netz genommen. Ursprünglich hatte die französische Regierung das Aus für das Akw Fessenheim bereits für Ende 2016 versprochen. Präsident Emmanuel Macron setzt den Plan nun um.

Umweltministerin Schulze betonte: "Wir werden nicht nachlassen, auch bei unseren Nachbarländern für eine Abkehr von der Atomkraft zu werben." Diese sei kein Klimaretter, sondern "riskant, teuer und hinterlässt radioaktiven Abfall für tausende Generationen". Erneuerbare Energien seien die "eindeutig bessere Lösung", erklärte Schulze.

Der erste Reaktor in Fessenheim soll am Freitagabend ab 20.30 Uhr heruntergefahren und am Samstagmorgen gegen zwei Uhr endgültig vom Netz genommen werden. Das elsässische Kernkraftwerk liegt am Oberrhein direkt an der deutschen Grenze, nur rund 30 Kilometer von Freiburg im Breisgau entfernt und 50 Kilometer von Basel.

Die grün geführte Regierung in Baden-Württemberg nennt den 1977 gebauten Atommeiler ein "enormes Risiko für die ganze Region", Deutschland und die Schweiz verlangten jahrelang seine Abschaltung. Denn Fessenheim liegt in einem Erdbebengebiet, das Kraftwerk ist gegen einen Flugzeugabsturz oder Anschlag unzureichend geschützt. Zudem kam es immer wieder zu Pannen. Das Kraftwerk war 43 Jahre lang in Betrieb, drei Jahre länger als vorgesehen.

Einzelne Mitarbeiter des mehrheitlich staatlichen Betreibers Electricité de France (EDF) drohten in letzter Minute damit, sich der Abschaltung zu widersetzen. Für die Belegschaft sei die Abschaltung "schwer zu ertragen", sagte ein Gewerkschaftsvertreter, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Frankreichs Energieministerin Borne betonte dagegen, sie setze auf die "Professionalität" der Arbeiter. Der mehrheitlich staatliche Betreiber Electricité de France (EDF) teilte mit, auf eine Stunde mehr oder weniger komme es nicht an. Die Abschaltung werde wie per Regierungsdekret angeordnet am Samstag erfolgen. In dem Atomkraftwerk sind noch 850 Menschen beschäftigt, zusammen mit Zulieferern fallen nach Angaben der Gemeinde Fessenheim 1500 bis 2000 Arbeitsplätze weg.

Nach der endgültigen Abschaltung am 30. Juni beginnt der Rückbau des Atomkraftwerks. Die Brennelemente sollen bis 2023 entfernt werden. Die Demontage des Meilers beginnt 2025 und könnte bis 2040 dauern. Deutschland und Frankreich haben vereinbart, in der Region Fessenheim einen Technologiepark zu errichten. Dafür sind Startgelder in Höhe von rund einer Million Euro vorgesehen.

Kritiker werfen der Bundesregierung vor, in Deutschland Atomkraftwerke abzuschalten und zugleich Atomstrom aus Frankreich zu importieren. "Der Importbedarf wird die nächsten drei Jahre zunehmen", hatte der baden-württembergische Energieminister Franz Untersteller (Grüne) anlässlich der Abschaltung des Atomkraftwerks Philippsburg 2 an Silvester gesagt.

In Deutschland sind noch sechs Atomkraftwerke am Netz: Grohnde und Emsland in Niedersachsen, Brokdorf in Schleswig-Holstein, Isar 2 und Grundremmingen in Bayern sowie Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Gemäß Atomgesetz werden die drei letzten Reaktoren spätestens Ende 2022 abgeschaltet.

Frankreich plant lediglich einen Teilausstieg: Bis 2035 sollen 14 Reaktoren abgeschaltet werden. Nach der Abschaltung des Akw Fessenheim zählt das Land noch 56 Reaktoren, die rund 70 Prozent des Stroms liefern. Das ist mit Abstand der höchste Anteil weltweit, bis 2035 soll er auf 50 Prozent sinken.

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