Präsident Fischer "traurig" über späte Würdigung

Denkmal für Wehrmachtdeserteure in Wien eingeweiht

Wien (AFP) - Fast 70 Jahre nach Kriegsende ist im Herzen Wiens das erste große Denkmal für die österreichischen Wehrmachtdeserteure eingeweiht worden. Er sei "traurig", dass die Fahnenflüchtigen der Hitler-Armee über Jahrzehnte als Verräter angesehen worden seien, sagte Bundespräsident Heinz Fischer bei der Zeremonie. Mit dem Denkmal, einem großen X aus Beton, werde nun mit großer Verspätung der Widerstand gegen eine kriminelle Diktatur gewürdigt.
Einweihung des Denkmals in Wien Bild anzeigen
Einweihung des Denkmals in Wien © AFP

Erst vor gut zehn Jahren fand der Ruf der Grünen nach Rehabilitierung auch in den anderen Parteien Gehör, der Sozialdemokrat Fischer gehörte zu den treibenden Kräften. Das Rehabilitierungsgesetz wurde 2009 verabschiedet - im selben Jahr wie in Deutschland.

"Jeder soll wissen, dass es ehrenhaft ist, in der Auseinandersetzung mit einer brutalen und menschenverachtenden Diktatur seinem Gewissen zu folgen und auf der richtigen Seite zu stehen", sagte Fischer, der von seinem Amtssitz aus auf das neue Denkmal blicken kann. Dass so lange Zeit verstrich, dafür müsse sich Österreich "entschuldigen und schämen".

Während des Zweiten Weltkriegs dienten hunderttausende Österreicher in der Wehrmacht. Nach Angaben von Historikern wurden rund 1500 von ihnen als Deserteure hingerichtet. Insgesamt verhängten die NS-Militärgerichte mehr als 30.000 Todesurteile.

Der Wiener Politologe Walter Manoschek verwies darauf, dass die Deserteure bis vor kurzem von vielen noch als "Kameradenmörder" betrachtet worden seien. Voll Bitterkeit erinnerte sich auch der noch lebende Fahnenflüchtige Richard Wadani, er ist 92 Jahre alt: "Nach dem Krieg war es viel bequemer, mit dem Finger auf Deserteure zu zeigen, als der großen Mehrheit der Soldaten zu erklären, dass sie betrogen worden sind." Dabei sei klar gewesen, dass das NS-Regime ein Regime war, "für das man moralisch nicht kämpfen konnte".

Das nun eingeweihte Denkmal des deutschen Künstlers Olaf Nicolai liegt am Ballhausplatz in direkter Nachbarschaft des Heldenplatzes vor der Hofburg, wo nach dem sogenannten Anschluss Österreichs im Jahr 1938 250.000 Menschen Adolf Hitler zugejubelt hatten. Das riesige liegende X soll die Situation des Individuums gegenüber der Macht symbolisieren. In die Oberfläche wurde eine Inschrift eingelassen, die aus den Worten "all" und "alone" besteht.

Erledigt sei die Vergangenheitsbewältigung aber noch lange nicht, meint der Überlebende Wadani. "Der nächste Fortschritt wird sein, dass sich die letzten Wehrmachtdeserteure auch auf dem Land nicht länger verstecken müssen."

Möchten Sie diesen Artikel

Versenden Drucken
Anzeige

Diesen Artikel versenden

Absender-E-Mail:*
Empfänger-E-Mail:*
Nachricht:*

* Pflichtfelder
Als Startseite festlegen Facebook Twitter RSS-Feeds Mobile