Angehörige von Opfern sprechen von "historischem Tag"

Nordirisches Gericht verhandelt nach 50 Jahren erstmals "Bloody Sunday"-Tötungen

Derry (AFP) - Fast 50 Jahre nach dem "Bloody Sunday" hat sich erstmals ein Gericht in Nordirland mit dem tödlichen Schüssen auf Demonstranten beschäftigt. Vor einem Gericht in der Stadt Derry begann am Mittwoch eine Anhörung gegen einen ehemaligen britischen Soldaten, der des zweifachen Mordes an Zivilisten am 30. Januar 1972 beschuldigt wird. Obwohl der Angeklagte nicht zur der Anhörung erschien, sprachen Angehörige der Opfer von einem "historischen Tag".
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Britische Soldaten töteten damals 14 Menschen © AFP

"Wir sind froh und erleichtert, dass dieser Tag gekommen ist", sagte Liam Wray, dessen Bruder 1972 getötet worden war. Der sogenannte "Bloody Sunday", bei dem britische Soldaten in Derry 14 Menschen töteten, gilt als eines der schlimmsten Kapitel des Nordirland-Konflikts. Jahrzehntelang war gegen insgesamt 17 britische Veteranen und zwei mutmaßliche Mitglieder der Untergrundorganisation Irisch-Republikanische Armee (IRA) ermittelt worden.

Im März hatte die Staatsanwaltschaft in Derry dann nur gegen einen ehemaligen Soldaten Anklage wegen zweifachen Mordes und vierfachen Mordversuchs erhoben. Es ist damit der einzige "Bloody Sunday"-Mordfall, der bisher vor Gericht kam. Das Gericht vertagte sich am Mittwoch jedoch nach der kurzen Anhörung auf den 4. Dezember. Der Anwalt des beschuldigten Soldaten will erreichen, dass die Klage abgewiesen wird.

Am 30. Januar 1972 hatten Soldaten eines britischen Fallschirmjägerbataillons auf Teilnehmer eines katholischen Bürgerrechtsmarschs in der Stadt Derry, die von den Protestanten Londonderry genannt wird, geschossen. 13 Menschen starben an jenem "Blutsonntag", ein weiteres Opfer erlag später seinen Verletzungen.

Ein 2010 veröffentlichter Untersuchungsbericht war nach zwölf Jahren Ermittlungen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Soldaten das Feuer auf die Menge eröffnet hatten - und nicht umgekehrt, wie ursprünglich behauptet worden war. Demnach waren die getöteten und verletzten Demonstranten nicht bewaffnet gewesen. Der damalige britische Premierminister David Cameron hatte sich bei der Vorstellung des Berichts für den Vorfall entschuldigt.

Im Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten in der britischen Provinz Nordirland wurden bis zum Karfreitagsabkommen von 1998 mehr als 3500 Menschen getötet. Die IRA hatte 1997 eine unbefristete Waffenruhe in dem Konflikt ausgerufen. 2005 beendete sie offiziell ihren bewaffneten Kampf.

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