Noch Unentschlossene dürften sich kaum alle auf Seite einer Partei ziehen lassen

Parteienforscher Niedermayer zweifelt an Last-Minute-Schwenk in der Wählergunst

Berlin (AFP) - Der Berliner Parteienforscher Oskar Niedermayer rechnet bei der Bundestagswahl nicht mit einer grundlegenden Änderung des bisherigen Meinungsbilds durch Spontan-Entscheidungen derzeit noch unentschlossener Bürger. "Es stimmt schon, dass es noch Unentschlossene gibt, aber man sollte nicht meinen, dass man die alle auf die Seite einer Partei ziehen kann", sagte Niedermayer der Nachrichtenagentur AFP. Vielmehr gebe es unter ihnen unterschiedliche Gruppen und politische Überzeugungen.
Parteienforscher Niedermayer Bild anzeigen Parteienforscher Niedermayer © AFP

Einige der Unentschlossenen hätten im Grunde bereits eine konkrete Wahlabsicht, "sagen aber, sie seien sich noch nicht sicher", sagte Niedermayer. Andere schwankten zwar zwischen zwei oder mehreren Parteien, "stehen aber klar auf einer Seite des politischen Spektrums". Schließlich gebe es dann noch Menschen, "die sich nicht für Politik interessieren und die dann eher Kandidaten für die Nicht-Wahl sind".

"Diese Leute kann man zwar mobilisieren, aber da müsste schon etwas Dramatisches passieren vor der Wahl", sagte der Wissenschaftler der Freien Universität Berlin weiter. Auch könnte dies dann - beispielsweise bei einem Terroranschlag - statt der SPD möglicherweise eher CDU/CSU oder AfD nützen. Ein Risiko für die Union könnte allerdings sein, dass manche eigentlich zu ihr neigenden Wahlberechtigten "sagen, die gewinnt ja sowieso und daher dann nicht zur Wahl gehen".

Vor allem die SPD begründet mit der noch hohen Zahl von Unentschlossenen immer wieder ihre Hoffnungen auf einen Umschwung in der Wählergunst, wo sie derzeit laut Meinungsumfragen weit hinter der Union zurückliegt. Dies sieht Niedermayer allerdings skeptisch: "Ich gehe mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass die Union die Wahl gewinnen wird", sagte er AFP. Zwar sei noch eine gewisse Bewegung möglich, "aber bei dem großen Abstand kann mir nicht vorstellen, dass der überwunden werden kann".

"Interessanter ist es bei den kleineren Parteien", sagte Niedermayer weiter. "Da ist noch die Möglichkeit von viel Bewegung drin, weil alles so dicht beieinander liegt." Schon Verschiebungen um zwei oder drei Prozentpunkte könnten hier entscheidende Wirkungen haben - beispielsweise im Ringen um den auch für Koalitionsbildungen wichtigen dritten Platz.

Welche Parteien letztlich für eine Regierungsbildung zusammen finden, ist aus Sicht von Niedermayer ohnehin ungewiss. Eine Neuauflage der großen Koalition würde die SPD-Basis nach seiner Überzeugung "wohl nur machen, wenn die SPD deutlich besser abschneidet als bei den letzten Wahlen". Dies zeichnet sich aktuellen Umfragen zufolge jedoch nicht ab. Allerdings sieht Niedermayer auch für ein Jamaika-Bündnis von Union, Grünen und FDP wegen der Differenzen zwischen den Parteien "große Fragezeichen".

Möchten Sie diesen Artikel

Versenden Drucken
Anzeige

Diesen Artikel versenden

Absender-E-Mail:*
Empfänger-E-Mail:*
Nachricht:*

* Pflichtfelder
Als Startseite festlegen Facebook Twitter RSS-Feeds Mobile