"Politiker müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden", sagte Gabriel der "Bild am Sonntag". In den Stadien säßen sie "möglicherweise neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten". Koenigs, Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, riet Politikern und Fußballfans im Deutschlandfunk, sich lieber EM-Übertragungen oder Spiele in Polen anzusehen, das Mitausrichter der in sechs Wochen beginnende Meisterschaft ist.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach sich gegen einen generellen Boykott der EM aus. Ihr Generalsekretär in Deutschland, Wolfgang Grenz, sagte dem Portal "Welt Online" aber, Sportler und Funktionäre sollten sich "nicht nur hinter verschlossenen Türen" für die Menschenrechte einsetzen. Der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bunds, Rainer Milkoweit, warnte in der "Thüringer Allgemeinen", ein Boykott würde vor allem Spieler und Fans treffen.
Timoschenko ist nach Angaben ihrer 32-jährigen Tochter gegen einen Boykott der Fußball-EM. Das Sportereignis sei ein Symbol der europäischen Integration ihres Landes, sie werde der Opposition außerdem eine Bühne für ihren Protest bieten, sagte Jewgenija Timoschenko der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" . Allerdings wünsche Timoschenko nicht, "dass sich deutsche und europäische Politiker gemeinsam mit Präsident Janukowitsch zeigen, weder im Stadion noch außerhalb".
Die Tochter von Julia Timoschenko forderte die Bundesregierung auf, sich für ihre Mutter einzusetzen. "Retten Sie das Leben meiner Mutter, bevor es zu spät ist", forderte Jewgenija Timoschenko in einem von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" veröffentlichten dramatischen Appell. Wenn ihre stark geschwächte Mutter sterbe, sterbe auch die Demokratie in der Ukraine. Jewgenija Timoschenko forderte die Bundesregierung auf, sich in der EU für Reisesperren gegen Mitglieder des ukrainischen Machtapparats stark zu machen.
Jewgenija Timoschenko und der Anwalt Sergej Wlasenko sagten der Zeitung, der stellvertretenden Direktor der Strafkolonie in Charkiw habe Timoschenko bei ihrer zwangsweisen Verlegung in ein Krankenhaus mit einem Faustschlag in den Magen niedergestreckt.
Eine Verhandlung in einem Prozess wegen Steuervergehen gegen Timoschenko wurde unterdessen auf den 21. Mai vertagt. Der Prozess könne nicht in Abwesenheit der Politikerin fortgesetzt werden, sagte ein Richter zur Begründung. Das Verfahren wegen Veruntreuung und Steuerflucht war am 19. April in der Stadt Charkiw im Osten der Ukraine, wo Timoschenko in Haft sitzt, eröffnet worden. Vor dem Gericht demonstrierten am Samstag rund tausend Anhänger Timoschenkos.
Die Verteidigung Timoschenkos teilte mit, das Gericht sei "gezwungen" worden, den schlechten Gesundheitszustand der Politikerin zu berücksichtigen. "Bis zu ihrer vollständigen Genesung" dürfe es keine weiteren Anhörungen geben. Zudem forderte die Verteidigung eine dritte Untersuchung Timoschenkos durch Ärzte der Berliner Klinik Charité. Die deutschen Mediziner wollen nach eigenen Angaben vom Freitag möglichst in den kommenden Tagen wieder zu Timoschenko reisen.
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