Jena (anw) - Letzten Dienstagnachmittag war Entspannungstraining angesagt. Regenerieren nach der Partie gegen Serienmeister Turbine Potsdam. Im vorgezogenen Spiel des 17. Spieltages hatte am Ostermontag der FF USV Jena in Brandenburgs Hauptstadt mit 1:3 verloren. War sogar durch Julia Arnold in Führung gegangen, konnte gegen den Favoriten lange Zeit mithalten. Kein 0:7-Debakel wie noch in der Hinrunde musste registriert werden, Jena hatte sich achtbar aus der Affäre gezogen.
Ist seit ihrer Rückkehr zum FF USV Jena ein starker Rückhalt des Bundesligisten: Torhüterin Tessa Rinkes.
© Foto: P. PoserTessa Rinkes durfte also durchaus entspannt den Interviewtermin nach absolviertem Regenerationstraining wahrnehmen. Und frei von Druck formulierte die Torhüterin ihre Antwort auf die Standardfrage: „Jena wird definitiv weiter in der Frauen-Bundesliga spielen". Nach Punkten liege der Verein deutlich vor dem 1. FC Lok Leipzig und Bayer Leverkusen, müsse gegen beide Teams, wenn auch auswärts, noch antreten und könne so im direkten Vergleich die für den Klassenerhalt nötigen Punkte sichern. Dann stünde auch Rinkes, schlussfolgert der Fragesteller, vor ihrer nächsten Saison in Deutschlands Eliteliga.
Immer noch relaxt, folgt eine unerwartete Replik der Gesprächspartnerin zur eigenen Perspektive: „Das steht noch nicht fest, da ist noch alles offen". Sie sehe das selbst „relativ entspannt". Und stellt fest: nicht die sportliche, sondern primär die berufliche Perspektive werde ihre Entscheidung beeinflussen. Eine merkwürdige Aussage. Konnte sie seit ihrer Rückkehr zu Jahresbeginn nach Jena nicht eindrucksvoll beweisen, erstligatauglich zwischen den Pfosten zu stehen? Reizt sie es denn nicht ungemein, nach mehreren, auch von persönlich erlebter Unzufriedenheit getragenen Vereinswechseln weiterhin als Stammtorhüterin in der Bundesliga aufzulaufen? Den sportlichen Stellenwert will sie nicht in Abrede stellen. Aber, lautet die klare Ansage, ihre berufliche Zukunft höher einstufen. „Vom Fußball kann ich nicht leben", argumentiert die 25-Jährige. Wenngleich im Sommer keinesfalls Schluss sein soll mit dem leistungsorientierten Fußball. Nur wisse sie nicht, „ob ich in Jena weiterspielen werde.“
Während ihrer ersten Vertragszeit in Jena von 2007 bis 2010 studierte sie Sportwissenschaft. Nach zwei frustrierenden Bundesligajahren mit nur wenigen Einsätzen als 2. Torfrau hinter der gesetzten Jana Burmeister, eine Personalentscheidung, mit der Tessa Rinkes bis heute nicht einverstanden ist und die damals zu Streitigkeiten mit der Trainerin Heidi Vater führten, verschärft noch durch die nicht erlaubte vorzeitige Freigabe seitens des Vereins, wechselte sie erstens zum Aufsteiger Herforder SV. Zweitens von Uni Jena an die Uni Bielefeld und hier zur Ausbildungsrichtung Sportmanagement. Bis zum Sommer muss sie noch ihre Kurse, die überwiegend am Montag und Dienstag stattfinden und zu separatem Training zwingen, absolvieren. Dann folgen die Abschlussarbeit und, wie sie hofft, der Bachelor.
In Herford erwischte sie eine schlimme Saison. Mit nur fünf Punkten und 80 Gegentoren hatte der Verein keine Chance auf den Klassenerhalt. Den Abschied aus Jena stuft sie trotzdem nicht als Fehlentscheidung ein, „definitiv nicht". Zumal auch Jena lange gegen den Abstieg gekämpft hätte. Nach Saisonende nahm sie ein Angebot wahr, für den norwegischen Klub Arna-Bjornar Fotball in der Rückrunde bis Ende Oktober das Tor zu hüten (Norwegen kickt im Kalenderrhythmus). Im Januar 2012 erreichte sie der Notruf aus Jena, Torwarttrainer Bernd Lindrath war am Telefon. Stammtorhüterin Katja Schroffenegger und Ersatzfrau Klara Muhle hatten sich schwer verletzt, der Verein musste dringend handeln.
Gleich sagte Tessa Rinkes indes nicht zu. Erst zum 1. Februar unterschrieb sie einen neuen Vertrag in Jena, gültig bis Saisonende. Ihrem zweiten Engagement beim FF USV waren mehrere Gespräche mit der Cheftrainerin Monika Voss-Tecklenburg vorausgegangen, die plötzlich die Schweizer Nationalmannschaft übernahm. Lächeln muss sie, denkt sie heute daran.
Der Einstand im Heimspiel gegen die SG Essen-Schönebeck gelang. Jena siegte mit 2:1 und Rinkes wurde eine zuverlässige, wenn nicht die konstanteste Aktive im nun von Daniel Kraus geführten Team. Sie hat mehr Gegentore verhindert als zugelassen. Muss sie den Ball aus dem Netz holen, sei sie zunächst „enttäuscht". Könne aber, sagt sie weiter, schnell umschalten, um sich und ihre Vorderleute aufzubauen. Gemäß der Devise: „Ärgern kann man sich auch nach dem Spiel".
Sollte tatsächlich in diesem Jahr der Abschied vom Leistungssport anstehen, würde die überaus hoffnungsvoll gestartete und beachtliche Karriere unvollendet wirken. In der U-19 Nationalmannschaft war Tessa Rinkes Stammtorhüterin. Nach dem 2. Platz bei der Europameisterschaft konnte die DFB-Auswahl im gleichen Jahr in Thailand 2004 den WM-Titel holen. Für die Spielerin aus Osterwald, dem Heimatdorf in der Nähe ihres Geburtsortes Hannover, ist der WM-Triumph bis heute ihr größtes und schönstes sportliches Erlebnis. „So ein WM-Turnier kann man nicht mit dem Bundesligaalltag gleich setzen", meint sie. Vom ersten Verein SV Wacker Osterwald führte die Laufbahn zum SV Suttorf, den Mellendorfer TV, zum Hamburger SV und schließlich in die Saalestadt. Ihr älterer Bruder sowie die Jungs der Nachbarschaft hatten die ganz junge Tessa zum Fußball gebracht. „Da ich die Kleinste war, stellte mich mein Bruder ins Tor", erzählt die Fußballerin, die heute 1,82 m misst.
Ankunft in einem Spielfeldabschnitt, den sie nie wieder verlassen wollte. Nur in der Jugend, als sie zeitgleich Handball spielte, agierte sie als Feldspielerin. Im Fußball gilt ehern: Statt Tore erzielen will Tessa Rinkes Tore verhindern.
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