Albert-Schweitzer-Familienwerk

Hilfen in der Krise in ehemaliger Tierklinik

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Einblicke in die Reha-Gruppe „Fahrrad / Moped“.

© Foto: privat

Northeim (usm) - Am Eschenschlag in Northeim wurden bis zum Jahr 2016 in der Tierklinik Vierbeiner behandelt. Im gleichen Jahr entstand im Medenheim Centrum an der Robert-Bosch-Straße eine moderne Tierklinik Northeim. Die alte Klinik ist zu klein geworden.
Seit Juni 2017 haben hier besondere Menschen tierisch viel Spaß. Für die Wegbegleiter des Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. wurde das Gebäude umgebaut und bietet nun Hilfen in der Krise. Mittels eines Besuchs bei dem gemeinnützigen Verein werden vier Gäste am Eschenschlag vorgestellt.
Antriebslosigkeit, Angststörungen oder auch Zwangsvorstellungen: Psychische Krankheiten sind deutlich mehr als eine Erkältung der Seele. Bundesweit erfüllt mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN). Die Tragik: Psychische Störungen finden häufig im Verborgenen statt. Über die Rückenbeschwerden kann man mit dem Nachbarn sprechen. Eine seelische Erkrankung ist heutzutage (noch) nicht gesellschaftsfähig.
Unverschuldet können Menschen in eine Notlage geraten. Gut, dass es Menschen wie die Sozialpädagogen Bernward Notzen und Harald Braun gibt, die ihr Berufsleben in den Dienst von hilfebedürftigen Menschen stellen. Als Wegbegleiter helfen Sie Klienten, mit denen das Schicksal es nicht gut gemeint hat. Wir treffen vier gut gelaunte Klienten an diesem Tag. Jens L. (49) und Werner N (65) sind beide aus Northeim. L. pflegt seine Frau und musste seinen Beruf als Gärtner aufgeben. Thomas O. (49) lebt in Bad Gandersheim und Philip D. (29) kommt aus Göttingen. D. ist durch einen schweren Verkehrsunfall als Jüngster der Runde bereits Rentner. Alle gemeinsam finden in der Reha-Gruppe Fahrrad / Moped einen gemeinsam Treffpunkt, Tagesstruktur und mit Bernward Notzen und Harald Braun geduldige und kompetente Ansprechpartner.
In einem verlässlichen Gruppenzusammenhang werden die Teilnehmenden unterstützt, ihre wirklichen Interessen zu verfolgen. In diesem Prozess erreichen die Klienten wieder mehr Selbstbestimmung und Kontrolle über ihre eigenen Lebensbedingungen. Die Klienten sind die Experten für Ihr Leben. Die Mitarbeitenden der Wegbegleiter sind davon überzeugt, dass selbst entdeckte persönliche Bewältigungsstrategien die Klienten befähigen, wieder aktiver ihr Leben zu gestalten. In dieser Suchbewegung sind sie stützende und moderierende Begleiter.
Harald Braun: „Wir können die seelische Erkrankung oder Verletzung nicht heilen. Wir sorgen aber dafür, dass die Menschen für die nächsten Krisensituationen besser gerüstet sind. Wenn wir richtig erfolgreich sind, haben wir uns überflüssig gemacht. Die Klienten finden wieder Halt, Struktur und vielleicht sogar einen Arbeitsplatz. Harald Braun: „Wir begleiten nur, geben Anregungen und moderieren. Manchmal ist es auch besser, einfach mal die Klappe zu halten“, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Alle vier Teilnehmer sind eher Einzelgänger. Mit der Begleitung der „Moderatoren“ lernen sie im Team zu wirken. Hand in Hand werden Fahrräder und Mopeds repariert, die für ein Taschengeld an andere Bedürftige weitergegeben werden. „Das Fahrrad ist eigentlich nur Mittel zum Zweck“, sagt Harald Braun. „Die vier sind jetzt eine kleine Gemeinschaft. Sie lernen wieder mit anderen Menschen zu sprechen. Meist wohnen sie allein; ohne Familie“.
„Ohne die Reha-Gruppe ist der Tag eher trist“, sagt T. „Fernsehen, Mittagessen und schlafen bilden den Tagesablauf“, beschreibt er weiter. L.: „Meine Frau hat Pflegegrad 4 und ich habe quasi nur ein Thema am Tag. Das wöchentliche Treffen ist so eine wunderbare Bereicherung“, schwärmt er. Dazu kommt für alle das gute Gefühl, Erfolg zu haben, wenn das kaputte Fahrrad nach der Reparatur einen neuen hilfebedürftigen Besitzer findet. Zu den lokalen Fahrradläden sind wir keine Konkurrenz, betont Harald Braun.
Der Tag startet mit einem gemeinsamen Frühstück. Sodann geht es an die Arbeit. Die Aufgaben gestalten die Klienten selbst. Die beiden Sozialpädagogen begleiten und moderieren. Darauf legt Harald Braun großen Wert. Die vier Klienten L., N., D. und O betonen die tolle Atmosphäre. Sie freuen sich jeden Mittwoch auf den Eschenschlag. Regelmäßige kleine Ausflüge, wie in den PS-Speicher nach Einbeck sind echte Highlights.
Kurz vor Weihnachten war die Zeit, um nach den Wünschen der Klienten zu fragen. L. träumt davon, dass seine Frau wieder etwas „fitter“ wird und er wieder arbeiten kann. D. würde gerne einen „Tag der offenen Tür“ veranstalten, damit noch mehr Menschen erreicht werden und Mut gemacht werden kann. O. würde sich über noch mehr Fahrradspenden freuen, die die Gruppe aufarbeiten und an Bedürftige weiterverteilen kann.
Ein großes Dankeschön richtet die quirlige Gruppe an den Landkreis Northeim, an die Politiker des Landkreises und an das Albert-Schweitzer-Familienwerk. Hier im Eschenschlag können die Verantwortlichen erleben, wie die finanziellen Mittel effizient wirken.

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