Museum Uslar

„Eine geniale Maschine“: Die Geschichte des Fahrrads

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Familie Pinzer bei einer Radtour durch den Solling, ca. Jahr 1930.

© Foto: Stadtarchiv Uslar

Uslar (usm) - Die Zeitgenossen amüsierten sich, als 1817 der badische Forstbeamte Karl von Drais mit seiner „Laufmaschine“ über die holperigen Straßen rollte. Er gilt als Erfinder des Fahrrades, auch wenn sein Prototyp noch mehr Gemeinsamkeiten mit einem Tretroller hatte. Das besondere an seiner Konstruktion war, dass sie sich lenken ließ. Vorgängermodelle hatten starre Räder und waren deshalb praktisch unbrauchbar.
Der nächste wegweisende Schritt zum heutigen Fahrrad erfolgte in Frankreich. Dort entwickelte Pierre Michaux 1861 den Tretkurbelantrieb, der es erstmals ermöglichte, das Rad direkt mit der Muskelkraft des Fahrers anzutreiben. Diese Erfindung trieb die ersten Hochräder an, die sich zu einem beliebten Sportgerät entwickelten. Für den täglichen Gebrauch als Fortbewegungsmittel waren sie dagegen weniger geeignet. Diese Form des Fahrrads war die erste, die auch im Solling auftauchte. Allerdings waren diese Hochräder noch ein teures Spielzeuge der Oberschicht.
Erst mit der Gestaltung des „Sicherheitsniederrades“ durch den Engländer John Kemp Starley erhielt das Fahrrad um 1885 die uns heute bekannte Form und der Luftreifen von John Boyd Dunlop sorgte ab 1888 für mehr Fahrkomfort. Zahlreiche Nähmaschinenfabriken stellten in diesen Jahren auch Fahrräder her. 1898 betrug die Produktion schon 200.000 Stück, bis 1913 stieg diese Zahl auf 500.000. Mit der Massenproduktion sank auch der Preis der Räder, so dass kurz vor dem Ersten Weltkrieg rund 30% der Fahrradbesitzer einfache Arbeiter waren. Für sie war das Fahrrad kein Sportgerät mehr sondern ein praktisches Fahrzeug und Lastenesel. Der Weg zur Arbeit ließ sich nun wesentlich leichter und schneller zurücklegen.
Zwischen den Fußgängern und Fuhrwerken auf den Straßen und Plätzen tauchten nun immer öfter Radfahrer auf. Das verlief nicht immer ohne Konflikte. Der Gesetzgeber reagierte damals mit neuen Verkehrsregeln für die „Velocipedenbenutzung“. In Uslar musste man, wie in vielen anderen Städten auch, eine „Radfahrkarte“ erwerben, bevor man sich mit seinem Tretesel auf die Straße begeben durfte. Die Pläne für eine „Velocipedensteuer“ scheiterten allerdings in Uslar 1894. Die Bevölkerung protestierte damals gegen die Einführung dieser Luxussteuer, und auch der Kreisausschuss legte sein Veto ein.
Um 1900 waren die Fahrräder technisch schon weitgehend ausgereift, aber die Bremsen ließen noch sehr zu wünschen übrig. Besonders auf abschüssigen Strecken, wie der Bahnhofsstraße in Uslar, kam es deswegen immer häufiger zu Unfällen. Im November 1895 erfasste dort zum Beispiel ein Radler mit seinem unbeleuchteten Zweirad einen Lehrer, der eine Gehirnerschütterung erlitt.
Das Fahrrad erlebte seinen ersten Boom in den 1920er Jahren, als es immer mehr zum Verkehrsmittel der kleinen Leute avancierte. Ein zweiter folgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn beispielsweise in den 1950er Jahren der Schichtwechsel in den ILSE-Werken anstand, waren die Straßen in Uslar und Umgebung voll von radelnden ILSE-Arbeitern und Arbeiterinnen. Mit dem steigenden Wohlstand stiegen zunächst die Männer auf Roller oder Motorräder und später auf Autos um. Die Frauen blieben ihrem alten „Tretomobil“ dagegen sehr viel länger treu.
Als das Auto zum dominanten Verkehrsmittel wurde, entwickelte sich das Fahrrad wieder zurück zu einem vor allem sportlich genutzten Vehikel. Immer wieder führten große Radrundfahrten auch durch die Dörfer des Sollings. Besonders wichtig ist das Fahrrad für Kinder und Jugendliche, die damit ihre ersten eigenen Mobilitätserfahrungen machen können. Besondere Fahrradtypen, wie das Bonanzarad, das BMX-Rad oder das Mountainbike, sind dabei Trends, denen die jungen Leute folgen.
In der jüngsten Vergangenheit ist das Fahrrad mehr und mehr zum „Lifestyleprodukt“ geworden, das auch Erwachsene fasziniert. Mit dem zunehmenden Umweltbewusstsein spielte das Fahrrad seine Vorteile als abgasfreies Fortbewegungsmittel aus. Während „Fahrräder mit Hilfsmotor“ schon lange bekannt sind, haben die „Elektrofahrräder“ in den letzten Jahren zahlreiche Anhänger gefunden.
Mit der Geschichte des Fahrrads in unserer Region, beschäftigt sich das Museum Uslar in der Sonderausstellung. Unter dem Titel „FahrRad! Eine Kulturgeschichte des Fahrrads“ sind Besucher bis 17. November eingeladen, die zahlreichen Fotos, kleinen Texte und historischen Fahrräder bestaunen. Öffnungszeiten: Di. bis So. 15 bis 17 Uhr, Fr. 10 bis 12 Uhr.
Weitere Informationen sind erhältlich bei Herrn Dr. Althaus, Tel. 05571/307142, oder per E-Mail: althaus@uslar.de.

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