Sehr verehrte Leserinnen und Leser!
Wie alles, so kann man auch Zeiten unter verschiedenen Gesichtspunkten verstehen und beurteilen. Jeder Text und jedes Wort sagt zumeist mehr über den Sprecher oder Schreiber aus, als über den eigentlich behandelten Inhalt. Er gibt seine Weltsicht preis, seinen Standort und sicher auch seine Ziele. Ich habe die letzten 17 Jahre im Eichsfeld erlebt. Es waren Nachwendejahre, geprägt von einem hohen Optimismus. Das Kernwort dieser Zeit hieß und heißt Freiheit. Freiheit ist und bleibt sicher das schönste Wort für Lebensgestaltung, solange es Menschen gibt. Es ist der menschenwürdigste Rahmen für unser Leben. Aus diesem Grund ist es für mich eine besondere Freude zu erleben, dass auch Völker, in denen die Freiheit nur für eine kleine Oberschicht denkbar war, jetzt um diese ringen. Weltbilder, denen die Freiheit suspekt ist, werden ihre Basis verlieren. Freilich wird der Kampf um Freiheit fortgesetzt, zumal die Freiheit von Einzelnen und Gruppen oft auf der Sklaverei anderer basiert. Die Herrschenden wollen ihre Freiheit erhalten, die Geknechteten wollen ihre Ketten sprengen. Das Christentum ist von Anfang an ein Loblied auf die Freiheit. „Christus hat uns befreit, also sind wir frei!", schreibt Paulus den Christen in Galatien. Sie haben sich ihren Gott selbst ausgewählt und erkennen nicht einfach die Staatsgötter an. Deshalb wurden die Christen als Atheisten verfolgt. Als erste nahmen sie die freie Wahl der Religion für sich in Anspruch. Im vergangenen Jahr begann die Flamme der Freiheit in Nordafrika neu zu brennen. Wer hätte das gedacht. Diktatoren und Diktaturen werden es schwerer haben. Was in der Entkolonialisierung begann, was in der Freiheitsbewegung der 80er Jahre weiterging, setzt sich nun weltweit fort. Auch bei uns wird die Freiheit immer mehr zum Alltagswort. So bin ich im Rückblick dankbar für die Gestaltung unserer Welt in Freiheit. Die Städte und Dörfer sind wunderschön, der Wohlstand nimmt beständig zu, die Sozialausgaben sind in den öffentlichen Haushalten tonangebend, die Menschen werden immer älter, die interkulturelle Bereicherung wird selbstverständlich. Der Rückblick auf die Vergangenheit ruft nach Dank, dass ich diese Zeit erleben darf.
Zugleich aber sind die letzten Jahre eine ununterbrochene Kette von Desillusionen. Enttäuschung auf Enttäuschung stellt sich ein. Dem geht freilich voraus, dass wir uns getäuscht haben. In Potjemkinschen Dörfern, in Kinoattrappen lässt es sich nicht wirklich wohnen. Wir leben heillos über unsere Verhältnisse, sowohl der Staat als auch die Einzelnen. Wir geben in Europa mehr Geld aus, als wir Leistung dagegen setzen. Wir häufen unvorstellbare Schuldenberge auf. Irgendwann leiht uns keiner mehr Geld, weil man nicht glaubt, es gleichwertig wieder zu bekommen. Es gibt keine ehrliche Entschuldung außer der, dass man Schulden abzahlen und selber solange sparen muss, bis man nur das Geld ausgibt, das man verdient. Wir haben erlebt, wie der Glaube an das Geld – oder auch der Unglaube an das Geld – die Welt verändern kann.
Eine weitere Enttäuschung erlebten wir mit der Flut in Japan, die zu der Atomkatastrophe führte. Es reicht durchaus nicht der technische Sachverstand aus, um Zukunft zu gestalten. Über Nacht brach der Energielösungsweg „Atomkraft" zusammen. Die Technik allein kann alles: hocheffiziente Vernichtungslager bauen und Operationsmethoden realisieren, die sicher zur Gesundheit verhelfen. Die Atomphysik, Atomwirtschaft und Atompolitik ist ein Beispiel für viele. Die Freiheit ist nicht grenzenlos. Freiheit ist nur der Rahmen. Der darf nicht überschritten werden. Der Inhalt muss gut überlegt werden. Die Natur ist nicht beliebig dehnbar. Sie ist grundsätzlich in jeder ihrer Gestalten vergänglich, auch die menschliche Natur. Die geschichtliche Dimension unseres Planeten ist Wirklichkeit. Der Mensch wird in seiner Natur heillos überdehnt. Der Staat bestimmt zunehmend ein Menschenbild, das krank macht. Institutionen werden mehr gefördert als elterliche Liebe. Die Vertreter des Staates trauen der Freiheit des Menschen immer weniger zu und meinen ihn in allen Bereichen bevormunden zu müssen. Enttäuschend sind die Zahlen der psychischen und psychosomatischen Krankheiten, des Lebensüberdrusses. Die Wirtschaft läuft rund, aber sonst nichts. Gebietsreformen und Zentralismus werden gefordert, weil sie angeblich Geld einsparen helfen. Der Mensch, der so immer weiter von den Entscheidungen seines Lebens entfernt wird, ist reine Verfügungsmasse. Die Erfahrung des 20.Jahrhunderts heißt: Wenn einzelne oder Gruppen zuviel Macht hatten, haben sie die mit Hilfe aller Wissenschaft und Technik eingesetzt gegen Menschen. Zerstörung und Tod war die Folge. Enttäuschend, dass sich auch heute noch in Thüringen Menschen anmaßen, Leben in wert und unwert einzuteilen, sei es das Leben von Familienvätern oder ungeborenen Kindern, und sie töten zu dürfen. Dem gilt es mit aller Kraft vorzubeugen.
Das Jahr war für mich geprägt vom Papstbesuch in Erfurt und im Eichsfeld. Hier war Verantwortung zu erleben und Besonnenheit, Weisheit und Güte, Gaben, in denen sich die Zukunft entfalten kann. Das spürten die Menschen. Hoffentlich entfaltet sich das, was seine Botschaft im Eichsfeld war: Der Mensch lebt von Herz zu Herz; er findet seine Erfüllung in der Begegnung der Herzen.
Ich bin dankbar für die erlebte Zeit. Ich weiß mich aber zugleich in Aufgaben gestellt, die nicht nebenbei und von allein gelöst werden können. Ich sehe aber kaum ausreichende Kräfte, die sich der Weltgestaltung in Respekt voreinander und miteinander annehmen. Ökonomie ist eben auch nur Rahmen und durchaus noch nicht hinreichender Inhalt und Sinn des menschlichen Lebens und menschlicher Gemeinschaft. In eine menschenwürdige Zukunft ist für mich das Evangelium wegweisend
Ich danke allen, die sich um die Zukunft menschlicher Maße in der Welt mühen und wünsche uns allen einen Fortschritt an Menschlichkeit. Ein glückseliges Neues Jahr wünscht Ihnen Heinz Josef Durstewitz, Propst in Heiligenstadt
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