Ein Ausflugsidyll hoch über Rudolstadt-Cumbach

Zur Geschichte der Berggaststätte Marienturm

Rudolstadt (Maria-Luise Krohn/pbb) - Nähert sich der Reisende aus Richtung Jena der Stadt Rudolstadt, grüßt ihn weithin sichtbar der Marienturm auf den Galeriebergen. Über den Marienturm selbst sind bereits mehrfach Veröffentlichungen erschienen. Die Geschichte der Berggaststätte in unmittelbarer Nachbarschaft wurde jedoch bisher vernachlässigt.

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Alte Postkartenansicht von der Terrasse des Ausflugslokals.

© Foto: Leihgabe Marienturmfreunde e.V.

Die Eröffnung der um- und neugestalteten Gaststätte vor 76 Jahren gibt Anlass, dies nachzuholen. Ein Jahr nach der imposanten Einweihung des Marienturms im Jahre 1886 wurde dem Eigentümer, Brauereibesitzer Carl Becker, die Schankkonzession erteilt. Westwärts vom Turm ließ er ein schlichtes Wirtschaftsgebäude mit Wohn- und Unterkunftsräumen für einen Wirt und für Gäste errichten. Einen vorhandenen Weg durch den Heißen Graben, später das Mariental, ließ er begehbar herrichten und den sogenannten Zick-Zack-Weg nördlich unterhalb des Turmes anlegen. Bis 1897 entstanden weitere Gebäude, ein Stall, eine Scheune sowie ein Mausoleum. Die Bewirtung der Gäste war anfangs sehr bescheiden. Wasser und elektrischen Strom gab es nicht, Speisen und Getränke wurden auf Eseln den Berg hinaufgeschleppt. Eine Straße, die diesen Namen verdiente, war ebenso wenig vorhanden. Der Ausschank wurde verpachtet und da es wenig zu verdienen gab, wechselten die Pächter häufig. Nach dem Tod von Karl Becker und seiner Frau 1906, verkaufte der älteste Sohn einen Großteil der Parzelle mit den Gebäuden an einen Herrn Göttschke.

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Der Marienturm und das Wirtschaftsgebäude um 1900.

© Foto: Leihgabe Marienturmfreunde e.V.

Dieser ließ westlich des Wirtschaftsgebäudes ein Sommerhaus errichten, welches er als Fremdenpension zu nutzen gedachte. Wirtschaftlicher Erfolg war ihm nicht beschieden. Die Not und das Elend im ersten Weltkrieg brachten vorläufig das endgültige Aus. Das Sommerhaus wurde auf Abriss nach Catharinau verkauft. Von dem Wirtschaftsgebäude verschwand so nach und nach alles Verwertbare, übrig blieben Ruinen. Der Turm selbst blieb zum Glück davon verschont. Er gehörte noch den Beckerschen Erben. Im April 1923 wurde die Gemeinde Cumbach nach Rudolstadt eingemeindet und die Stadt wurde dadurch Eigentümerin einiger Flurstücke auf den Galeriebergen. Es lag nun in ihrem Interesse, weitere Parzellen zu erwerben, um ein möglichst großes zusammenhängendes Waldrevier zu erhalten. Otto Große, letzter Schultheiß von Cumbach, lenkte die Aufmerksamkeit des Stadtrates auf das Gelände des Marienturmes. Der Stadtverwaltung, mit Bürgermeister Dr. Erwin Moll, fiel die Entscheidung zum Kauf nicht schwer. So war die Möglichkeit gegeben, durch Wiederaufbau des Wirtschaftsgebäudes einen noch anzustellenden Stadtförster Wohnung und Dienstraum zu bieten und außerdem eine neue Jugendherberge einrichten zu können. 1924 wurde die Stadt Eigentümerin der betreffenden Grundstücke.

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Der Marienturm um 1950.

© Foto: Leihgabe Marienturmfreunde e.V.

Die Bauarbeiten zur Wiederherstellung der Gebäude wurden sofort in Angriff genommen. Bereits im Sommer 1924 konnte der neue Stadtförster Alexander Anders einziehen und im September 1924 die Jugendherberge eingeweiht werden. Dem Stadtförster wurde die Verwaltung der Jugendherberge mit übertragen, er durfte Erfrischungen verkaufen und es wurde ihm gestattet, Übernachtungen im Wirtschaftsgebäude und im Turm anzubieten. Wasser und Strom gab es allerdings immer noch nicht. Auch die Ausstattung der Dienstwohnung war mehr als dürftig. Nur im Dienstzimmer des Försters und in der Küche befanden sich heizbare Öfen. Das Abwasser musste außer Haus entsorgt werden. 1925 stellt Anders den Antrag auf eine Schankkonzession. Da er städtischer Beamter war, wurde sie ihm aber versagt. Auch entsprachen  die vorhandenen Räumlichkeiten nicht dem dafür erforderlichen Standard. Daraufhin stellte 1927 seine Frau Ida den Antrag, Bier in Flaschen, Limonade und Selterwasser sowie Kaffee ausschenken zu dürfen. Da geeignete Räumlichkeiten immer noch nicht vorhanden waren, durfte sich das Geschäft nur auf den Außenbereich erstrecken.  Der Betrieb der  Jugendherberge wurde 1929 wegen mangelnder Akzeptanz eingestellt. Die ständigen Klagen des Stadtförsters über die katastrophalen Bedingungen auf dem Marienturm verärgerten in zunehmendem Maße die Stadtverwaltung und so nahm sie  seine unregelmäßige Buchführung zum Anlass, das Arbeitsverhältnis im Jahr 1930 zu beenden. 1930 bis 1936 pachtete der Bierverleger Paul Schnur den Ausschank. Ihm wurde zur Bedingung gemacht, das Wirtschaftsgebäude nach den Plänen der Stadtverwaltung instand zu setzen und die Wirtschaft als ein gut bürgerliches Bier- und Speiselokal zu führen. Dafür wurden ihm Zugeständnisse bei der Pachthöhe gemacht. Paul Schnur beschäftigte wiederum Gastwirte als Unterpächter. Probleme bereiteten aber nach wie vor die mangelnde Energieversorgung, die Wasserknappheit  und die damit verbundenen schlechten hygienischen Bedingungen. Die schlechte Verkehrsanbindung verschärfte die isolierte Lage. 1932/1933 konnte zunächst durch den "Freiwilligen Arbeitsdienst" der Weg durch den Heißen Graben verbreitert und als Autostraße ausgebaut werden. Die Anzahl der Besucher nahm schlagartig zu und seitens des städtischen Bauamtes wurde eine Erweiterung der Gasträume erwogen. 1934 musste man allerdings erneut einen geringen Besuch der Gastwirtschaft eingestehen, eine konstante Strom- und Wasserversorgung war ebenfalls noch nicht gewährleistet.

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Der Vorstand des Vereins der Marienturmfreunde e.V., Gründung 2011, der sich das Ziel gesetzt hat den Marienturm zu erhalten.

© Foto: pbb

Die Stadt sah sich zunächst nicht in der Lage, diese Mängel durch Investitionen zu beseitigen. Die Verhandlungen und Beratungen zogen sich hin. Die Entscheidung für eine rasche Durchsetzung des Vorhabens fiel letztendlich 1936 durch den Einzug einer Flakabteilung und eines Infanterie-Bataillons in die Stadt. Rudolstadt wollte sich als gastfreundliche Stadt präsentieren und das Geld der Militärs und ihrer Angehörigen sollte in Rudolstadt ausgegeben werden. Die Gasträume im Untergeschoß wurden vergrößert und neu möbliert. Große Schiebefenster ermöglichten nun einen ungehinderten Blick in die Umgebung. Die Küche wurde erweitert und neu eingerichtet. Eine die Gaststätte umgebende Terrasse wurde befestigt und mit Edelsplitt bestreut. Auch das Problem der Energie- und Wasserversorgung konnte nun endlich gelöst werden. Das Saale-Elektrizitätswerk übernahm kostengünstig den Anschluss an das Stromnetz und die Installationsarbeiten unter der Bedingung, dass die Küche mit ihren elektrischen Geräten ausgestattet wurde. Für die Wasserversorgung wurde ein Pumphaus an den langen Bergen gebaut und im Marienturm selbst ein Hochbehälter installiert. Der vormalige Unterpächter Paul Grohmann übernahm die Bewirtschaftung. Zum 50. Bestehen des Marienturms 1936 konnte Bürgermeister Karl Steden den Rudolstädter Bürgern und ihren Gästen ein Schmuckstück übergeben. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat sich das Areal des Marienturms bis zum Bau des Hotels 1993 nicht verändert.

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Nordseite der Restaurantansicht und des Marienturm heute.

© Foto: pbb

Die Bewirtschaftung der Gaststätte erfolgte auch in den Kriegsjahren ununterbrochen. Am 20. Juli 1944 wurden durch Einschlag von Sprengbomben südlich der Catharinauer Straße fünf Fensterscheiben an der Nordfront zerstört. Die Fliegerangriffe am 11. und 12. April 1945 zerstörten das Dach des Turmes und beschädigten erneut einige Fenster. Nach der raschen Beseitigung der Schäden ging der Gaststättenbetrieb sofort weiter. Die Enteignungen nach 1945 betrafen auch das Vermögen der Stadt Rudolstadt. Die Gaststätte wurde nun dem VEB Thüringische Zellwolle, ab 1950 VEB Thüringisches Kunstfaserwerk "Wilhelm Pieck" Schwarza, zur Nutzung übertragen.

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Der Blick heute vom Marienturm auf die Stadt Rudolstadt.

© Foto: pbb

Das Werk ließ südlich, unterhalb der Gaststätte, in den Jahren 1951 bis1960 drei Baracken als Betriebsferienlager für Kinder errichten, später kamen noch Bungalows dazu. Die Gaststätte wurde als Betriebsgaststätte weitergeführt, sie war aber auch dem öffentlichen Besucherverkehr zugänglich. Die Besteigung des Marienturmes war seit der 1960er Jahre nicht mehr möglich, die Deutsche Post hatte hier einen Fernsehumsetzer installiert. Bis 1991 wurden Gebäude und Nebenflächen vom Chemiefaserkombinat Schwarza später von der Thüringischen Faser Aktiengesellschaft Schwarza genutzt. Danach erhielt die Stadt Rudolstadt von der Treuhandanstalt per Zuordnungsbescheid ihr Eigentum zurück. 1992 kauften die Eheleute Kerstin und Stephan Neumann das Grundstück Marienturm 1. Bereits seit 1986 führte die Familie Neumann mit Erfolg die Gast- und Speisegaststätte "Marienturm". Jetzt gelang es den neuen Eigentümern, durch umfangreiche Investitionen ein neues Kapitel in der Bewirtschaftung der Berggaststätte aufzuschlagen. Die Lokalität wurde modernisiert, der Küchentrakt und die sanitären Anlagen erweitert und den neuesten Standards angepasst. Das gesamte Obergeschoß, bisher Wohnung, wurde als zusätzlicher Gastraum umgestaltet. Dem ursprünglichen Wirtschaftsgebäude wurde ein Hotelneubau angegliedert. Das jetzige Panorama-Hotel Marienturm konnte 1994 eröffnet werden. Heute erwarten den Gast eine komfortable Unterkunft und eine gepflegte Gaststätte mit einer Terrasse, von der die Besucher eine beeindruckende Aussicht auf Rudolstadt und das Saaletal genießen können.

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